Tambauzinho, das kleine Dorf im Nordosten Brasilien, hat den Kampf um Land (vorerst) gewonnen. Präsident Lula hat ein entsprechendes Dekret unterzeichnet, die Länderei auf der Fazenda Tambauzinho wurde enteignet. Natürlich kann der Grossgrundbesitzer versuchen, wieder in Berufung zu gehen. Das Institut für Agrarreform INCRA wird jetzt möglichst schnell versuchen, den BewohnerInnen und BebauerInnen des Lands seit Generationen ihre rechtmässigen Titel zuzusprechen, damit die Menschen endlich in Frieden ihre kleinen Felder bestellen können, in den Mangroven Krebse, Muscheln und Fische fangen können und ihre Hühner und einzelnen Kühe hüten können.
Krieg gegen Kleinbauernfamilien
Am 1. September verwandelte sich das kleine brasilianische Dorf Tambauzhinho in einen Kriegsschauplatz. Polizisten fielen in das Dorf ein, plünderten die Häuser und legten Feuer. Mit roher Gewalt wurde gegen KleinbäuerInnen vorgegangen, die um Land für ihre Selbstversorgung kämpfen. terre des hommes schweiz ruft dazu auf, bei den brasilianischen Behörden Einspruch zu erheben.
Um 5 Uhr morgens wurde Tambauzhinho von 800 bewaffneten Polizisten, Kavallerie und Hunden umzingelt. Tränen- und Pfeffergasbomben wurden ins Dorf mit der schlafenden Bevölkerung geworfen. Einige Bauern und Bäuerinnen, unter ihnen auch Jugendliche, wurden von den Polizisten zu Boden geworfen, geschlagen, gefesselt und in einem Autobus weggebracht. Wertgegenstände wurden geraubt, die Häuser niedergebrannt, die Felder mit Traktoren zerstört.
29 Familien leben seit 70 Jahren auf dem Grossgrundbesitz „Fazenda Tambauzhinho“, die sich in der Gemeinde Santa Rita befindet, 40 km von Joao Pessoa, der Hauptstadt des Bundesstaates Paraiba, entfernt. Sie pflanzen Bohnen, Maniok, Süsskartoffeln, Mais, Gemüse und Früchte zur Selbstversorgung an und halten Vieh und Hühner. Ergänzt wird ihre Ernährung durch den Fang von Fischen und Meeresfrüchten in den Mangroven.
Als die Nachkommen des früheren Besitzers vor 15 Jahren beschlossen, die Posseiros (KleinbäuerInnen mit eingeschränktem Besitzrecht) vom Land wegzuweisen, begann der gegenwärtige Konflikt. Am 17. März dieses Jahres wurde das Land dann in einem Vertrag zwischen der Bundesregierung und der Regierung von Paraiba für die Landreform enteignet und den 29 Familien zugesprochen.
Der Grossgrundbesitzer focht den Staatsentscheid an. Die Regierung des Bundesstaates Paraiba wurde erneut vor das Oberste Gericht zitiert, wo sie dieses Mal verlor: Die Richterin von Santa Rita, Maria de Fatima Ramalho, ordnete voreilig die Räumung der 29 Familien an, die am frühen Morgen des 1. Septembers brutal begonnen wurde. Um 10 Uhr morgens kam dann der Befehl vom Obersten Gericht in Brasilia zur Aufhebung der Räumung, der von dem bundesstaatlichen Sekretariat zur Inneren Sicherheit befolgt wurde.
Die Leute, die im Nachbardorf festgehalten wurden, kehrten daraufhin in das zerstörte Dorf zurück. Jetzt baut die Gemeinde langsam ihre Häuser wieder auf. Ein Großteil der DorfbewohnerInnen lebt aber noch in Plastikzelten. Obwohl das Areal erneut den DorfbewohnerInnen zugesprochen wurde, schläft niemand ruhig, weil jederzeit ein neuer Angriff befürchtet wird.
Auch werden die Leute weiterhin von den vom Grossgrundbesitzer angeheuerten bewaffneten Capangos bedroht und eingeschüchtert. Ein Bauer wurde in die Brust geschossen, als er nach seinem Vieh sah. Die Capangos schossen auch schon nachts im Dorf herum. Trotz Anzeige bei der Polizei blieben die Capangos auf freiem Fuss und setzen ihre Einschüchterungsversuche, um die Familien zu vertreiben, fort. „Wir sind im Krieg“, meint eine Bewohnerin, „Kinder sind bis heute traumatisiert, schlafen schlecht und haben Angst in die Schule zu gehen.“