
Von Irene Bush und Lilian Buss : Irene Bush ist Leiterin der Fachstelle PSS bei terre des hommes schweiz und hat das toolkit mitentwickelt. Lilian Buss ist Mitglied des Organisationskomitees von imagine und arbeitet im global village bei der Betreuung des Standes von aidsfocus und terre des hommes schweiz mit.
Am heutigen Freitag endet die AIDS2010 Konferenz nach vielen Veranstaltungen, neuen Erkenntnissen, spannenden Gesprächen und vor allem auch vielen originellen und spontanen Aktionen. Viele Leute sind bereits abgereist, das Messeareal wirkt fast ein bisschen leer. Auch unsere Standnachbarn haben ihre Sachen bereits zusammengepackt, wir halten eisern durch.
Für uns gab’s viele unterschiedliche Eindrücke: unterhaltsame Sessions, andere die einem sehr nachdenklich werden liessen. Dann gab es diejenigen mit tollen Neuigkeiten (denken wir nur an das microbicide) und dann andere mit mehr Promifaktor als Informationsgehalt (Bill Gates...) Auch das Global Village hat viele Leute angezogen. Ein Beschreibungsversuch ist fast unmöglich, so bunt und vielfältig ist die Schar von Delegierten und Besuchern. Bunt, laut, leise, schräg, schrill, lustig, komisch, gross, klein, schwatzhaft, leise, provokativ, kritisch, freundlich, abwesend, gelangweilt, euphorisiert, überfordert, condomized.... die Liste der Adjektive, um die Besucher zu beschreiben könnte fast endlos weitergeführt werden, doch widmen wir uns doch noch kurz den Nebenveranstaltungen. Nebst dem grossen Marsch für Menschenrechte und dem Auftritt von Annie Lennox wurden auch viele andere Veranstaltungen rund um die Konferenz organisiert. Täglich mehrere Demos in den Gängen der Messehallen, am Abend Barbecues am Ufer der Donau, Parties in den Szenenclubs von Wien, Free Hugs für alle und jeden, Plakataktionen, Ballone die „HIV“ schreiben mit Dartpfeilen abschiessen, Säulen mit Kondomen schmücken und und und. Bevor wir auch hier in einer Endlosschleife landen, noch ein paar Zahlen, welche die Organisatoren veröffentlich haben. Insgesamt haben 19'100 Personen aus 193 Ländern an der Konferenz teilgenommen. 10'831 Abstracts wurden veröffentlicht, 248 Sessions gehalten und 151 Aussteller haben ihre Organisationen und Projekte präsentiert. Auf Facebook hat die Konferenz 12'342 Fans und es gab auf der Website 48 Blog-Posts. Wir haben immerhin 10 Blogs verfasst und mit dieser 11. letzten Nachricht beenden wir unseren Blog und möchten uns bei allen Leserinnen und Lesern ganz herzlich bedanken (Danke Erich :) ) Uns hat’s Spass gemacht und wir hoffen euch auch!
Bis zum nächsten Blog!
Irene und Lilly
Weil wir wirklich bis zuletzt durchhalten, besuchen wir noch die letzte Plenarsession am Vormittag. Was habe ich von der Präsentation von Dmytro Shermebey aus der Ukraine, Präsident des Ukrainischen Netzwerkes von Menschen die mit HIV/Aids leben erwartet? Ich kann es nicht sagen. Was mir bleiben wird, sind die Bilder der unzumutbaren, menschenunwürdigen Verhältnissen in den Gefängnissen. Shermebey war selber während 9 Jahren inhaftiert (wegen Drogenkonsum) und sagt selbst, dass er nur überlebt hat, weil er beweisen wollte, dass Häftlinge auch Menschen sind, die ein Recht haben auf Leben, Respekt, Verständnis, Hilfe und Unterstützung. Neben Hunger, überfüllten, düsteren Zellen, sanitären Verhältnissen, die jede Bezeichnung spotten, sowie anderen Demütigungen, verliert ein Häftling mit Eintritt ins Gefängnis Anrecht auf Gesundheitsvorsorge, Diagnose und Behandlung von Krankheit. Dies der Grund, warum Shermebey nach seiner Haftstrafe Hepatitis, Tuberkulose und HIV infiziert war. Drogen und Sexualität gibt es in jedem Gefängnis auf der Welt führte Shermebey aus, aber die wenigsten Staaten stellen Spritzen oder Kondome zur Verfügung (wie beispielsweise die Schweiz).
Manfred Nowak, ausserordentlicher Rapporteur für Tortur bei der UNO bestätigte die Aussagen von Shermebey. In dieser Funktion besucht er Gefängnisse weltweit und bezeichnet nach 6 Jahren Amtszeit die Zustände in den Gefängnissen als äusserst alarmierend. Tortur würde routinemässig, an manchen Orten gar systematisch praktiziert. Täglich gibt es 10 Millionen Menschen auf der Welt, die inhaftiert sind, mit Ein- und Austritten durchlaufen jedes Jahr 30 Millionen Menschen Gefängnisse. Es ist bekannt, dass die Infektionsrate bei Häftlingen um ein zig-faches höher ist als bei der Gesamtbevölkerung. Bekannt ist auch, wie eine wirksame Prävention vor Ansteckungen dem entgegen wirken könnte. Allein, in den meisten Ländern fehle der politische Wille und die Bereitschaft, den Inhaftierten ein Minimum an Menschenrechten zu gewähren.
Jonathan Mann war eine Schlüsselfigur im frühen Kampf gegen HIV/Aids, der auf die Notwendigkeit einer globalen Antwort auf die AIDS-Krise hingewiesen hat. Während seiner Amtszeit wurde das AIDS-Programm der WHO das grösste Programm in der Geschichte der WHO. Er starb 1998 beim Absturz des Swissair Flugs 111 zusammen mit seiner Frau. Seither wird an jeder Welt Aids Konferenz von ausgewählten RepräsentantInnen mit herausragendem Engagement im Kampf gegen Aids eine Gedenkvorlesung gehalten. Für die diesjährige Jonathan Mann Memorial Vorlesung wurde Meena Saraswathi Seshu aus Indien ausgewählt das SANGRAM (Sampada Grameen Mahila Sanstha) Projekt vorzustellen. Sehr humorvoll und selbstkritisch beschrieb sie in ihrer Rede ihren Einstieg als Sozialarbeiterin aus dem Mittelstand stammend beim Sangram-Projekt. Sie und ihre Kolleginnen wollten bei Sexarbeiterinnen, Männer, die mit Männern Sex haben, Frauen, die in extremer Armut leben, sowie jungen Menschen HIV-Prävention einführen. Sie mussten erfahren, dass dies nur möglich ist, wenn das Wissen und die Erfahrungen dieser Menschen respektiert und einbezogen werden. Im Laufe der Zeit sei es gelungen, zusammen mit den Betroffenen HIV-Schulung und medizinische Angebote zu gestalten. Diese Zusammenarbeit habe dazu geführt, dass die Stellung von SexarbeiterInnen, Männer, die mit Männer Sex haben, Transgender Personen und Frauen in Armut von der Stufe als soziale Pariahs zu Schlüsselfiguren in der HIV-Prävention gewandelt sei, die von der Gemeinschaft respektiert werden. Durch diese Evolution hätten Gemeinschaften die Kraft gefunden, seit Jahrhunderten etablierte Diskrimination und Missbräuche von Männern, die mit Männern Sex haben und SexarbeiterInnen in Frage zu stellen und teilweise zu überwinden. Soziale Normen, die die sexuelle Aufklärung von Jugendlichen verhindert hätten, konnten überwunden werden und die Gewalt gegen Frauen, die sich versteckt abspielt, sei an die Öffentlichkeit gekommen.
Wichtige Leitsätze ihres Menschenrechtsansatzes, die diese ausserordentlichen Erfolge ermöglicht hätten, hat Sangram in ihren Arbeitsgrundsätzen formuliert. Diese Haltung gleicht der Denkweise mit dem lösungsorientierten Ansatz, den terre des hommes schweiz im Austausch mit Partnerorganisationen zu leben versucht. Die Expertise der Menschen in und für ihre eigene Lebenssituation wird anerkannt. Veränderungen und Ziele in ihrem Leben müssen stets von den Betroffenen selbst definiert werden. Selbstverständlich entscheiden sie alleine, ob sie ihre Situation verändern möchten. Und ganz unabhängig davon, ob sie dies tun oder nicht, werden sie mit Würde und Respekt behandelt. Was sich wie ein „Bekenntnis“ liest, ist eine Grundhaltung, an der wir uns immer wieder messen müssen. Es war ermutigend zu erfahren, dass eine andere Organisation, in einem anderen Land durch eine partizipative Arbeitsweise und der beschriebenen Haltung ihre Ziele verwirklichen kann.
Am Mittwoch organisierte die „Youth Force Vienna“ eine Veranstaltung zu den Themen „Menschenrechte, Partizipation und Leitung, nachhaltige Förderung und Verantwortung.“
Auf dem Podium waren 5 verschiedene Jugendliche aus Ghana, Libanon, USA, Sambia und Österreich vertreten. Österreich leitete die Diskussion, bei der jeder der Jugendlich je eines der oben erwähnten Themen vorstellte. Fokussiert wurden dabei die Fragestellungen „wo liegen die Probleme, was sind die Herausforderungen und wie können entsprechende Lösungen gefunden werden“. Eine junge Frau aus dem Libanon, Mitglied einer Organisation welche zu „Jugendliche und Drogen“ arbeitet, erklärte hinsichtlich der Menschenrechte, dass Personen, welche für und mit den Jugendlichen arbeiten, frei von Stigmen und Vorurteilen sein müssen. Die Kommunikationskanäle der Jugendlichen (z.B. Facebook) sollten genutzt werden, damit die Jugendlichen auch tatsächlich erreicht werden können. Die Probleme der Jugendlichen fände man nicht im Büro, sondern direkt bei den Jugendlichen selbst. Lösungen müssen nicht für die Jugendlichen sondern mit den Jugendlichen gefunden werden. Was junge Leute brauchen ist Akzeptanz, Integration und vor allem eine Wahlmöglichkeit. Diese Wahlmöglichkeiten müssen aufgezeigt werden, die Jugendlichen wissen dann selbst am besten, was für sie gut ist. Jede junge Person sollte das Recht haben, Wahlmöglichkeiten zu besitzen.
Der Beitrag über „Leadership und Partizipation“ aus Sambia war nicht sehr ergiebig. Partizipation bedeutet für die Referenten mehr oder minder „Mitmischen im Kuchen der Grossen, egal wie, sei’s auch nur als Notiznehmer“. Remmy Shawa verlangt mehr Führung und Anleitung für Jugendliche von Erwachsenen. Doch ist nicht genau dieses „Folgen“ ein Grund, warum Jugendliche nicht auf allen Ebenen gleich integriert sind? Denn das „Folgen“ schliesst eine gleichberechtigte Partnerschaft aus, da der Folgende sich dem Gefolgten –in welcher Form auch immer- unterwirft. Ein treffender Satz von Remmy war, dass Jugendliche nicht die Leader von morgen sein sollten, sondern diejenigen von heute- denn „morgen“ kommt nie. Caitlin Chandler aus den USA fordert die Jugendlichen auf, selbstkritischer zu sein und klarere Strategien für die jeweiligen Vorhaben zu formulieren. Jugendliche sollten ehrlich zu ihren Schwächen stehen und auch nach Hilfe fragen, wenn dies nötig ist. Gleichzeitig fordert sie nachhaltigere Unterstützung von der Erwachsenenwelt, vor allem auch finanzielle. Auch sieht Caitlin es als wichtig an, dass sich die unterschiedlichen Jugendgruppen besser untereinander vernetzen und die Barrieren untereinander gebrochen werden. Ein guter Gedanke, den sich viele Organisationen zu Herzen nehmen sollten, denn Konkurrenzdenken weckt zwar Ergeiz, doch der Ansatz „in der Gruppe ist man stark“ hat sich schon genug oft durchgesetzt. Der letzte Redner aus Ghana referierte über „Verantwortung“ und stellte die Frage in den Raum, wieviel Verantwortung die Jugendlichen übernehmen sollten oder können? Er fordert von der Jugend, dass egal wieviel Verantwortung einem übergeben wird, jeder die Verantwortung für sein Handeln und Tun übernehmen muss. Es war eine Diskussionsrunde, die nicht viele neue Aspekte hervorbrachte. Ein paar wichtige Dinge wurden angesprochen, aber vor allem die Gedanken zur Partizipation waren meiner Meinung nach nicht vollständig genug. Denn nur durch „folgen und zuhören“ werden die Jugendlichen nicht erreichen, dass sie als gleichwertige Partner betrachtet werden. Selber Verantwortung übernehmen, etwas erarbeiten und kreieren, eigene Ideen entwickeln und umsetzen und „learning by doing“, dies wären Stichworte gewesen, welche ich zum Thema Partizipation erwartet hätte- gerade von Jugendlichen selbst. „guidance“ ist gut und es gibt auch viel zu lernen und Erfahrungen in das eigene Handeln mit einzubeziehen. Doch partizipativ ist nicht, wenn man einer jungen Person ein Instrument in die Hände druckt und sagt, wie dieses funktioniert, partizipativ ist aus meiner Sicht, wenn die erwachsene Person der jungen zwar das Instrument gibt, aber ihr selber überlässt, wie das Instrument passend eingesetzt und adaptiert werden kann.
Doch zwei wichtige Gedanken denen ich zustimme sind, dass wir kritischer sein müssen, im konstruktiven Sinne und auch mehr die Vernetzung untereinander suchen müssen. Denn wenn die Jugendlichen gut untereinander vernetzt sind und gemeinsam an einem Strang ziehen, dann werden sie auch wahrgenommen und hoffentlich auch auf höheren Ebenen als der „Volunteer-Ebene“ integriert.
Die Präsentation der Studie von CAPRISA (The Centre for the Aids Programme Research in South Africa) war ein Höhepunkt des gestrigen Sitzungstages. Die südafrikanischen und amerikanischen Forscherinnen und Forscher testeten die Sicherheit und Wirksamkeit von Tenofovir, ein medizinisches Vaginal Gel. Die Resultate der Studie zeigen, dass sich Frauen 50 % weniger oft mit dem HI-Virus anstecken, wenn sie dieses Gel regelmässig benützen. Die Euphorie, die diese Nachricht auslöst, steht vor dem Hintergrund der Tatsache, dass Frauen bis anhin auf die Bereitschaft der Männer angewiesen waren, um sich vor HIV zu schützen. „Dieses Gel gibt beispielsweise Frauen, die von ihren Partnern vergewaltigt werden eine Chance, sich vor einer HIV-Ansteckung zu schützen“ , kommentierte Everjoice Win von International ActionAid diese Studie. Laut vorläufigen Berechnungen könnten mit diesem medizinischen Vaginal Gel in Südafrika alleine 1,3 Millionen HIV-Ansteckungen und 826‘000 Todesfälle über die nächsten 2 Jahrzehnte verhindert werden.
Die weit verbreiteten ABC-Präventionsbotschaften im Süden empfehlen sexuelle Abstinenz, Treue und Kondome. Was nicht beachtet wird: Frauen haben oft keine Wahl. Verschiedene Studien zeigen auf warum: so besagt etwa eine WHO-Studie, dass die erste sexuelle Erfahrung von 30 % aller Frauen unfreiwillig geschieht. Mindestens jede dritte Frau, oder weltweit 1 Milliarde Frauen werden geschlagen, zu sexuellen Handlungen gezwungen, oder erleben andere Arten von Missbrauch. Aus Scham, Angst und fehlender Handhabe kommen Übergriffe und Verbrechen an Frauen selten zur Anzeige. Gemäss einer WHO Studie von 2002 werden 70 % aller weiblichen Tötungsopfer von ihren eigenen Partner umgebracht. Gestern präsentierte Everjoice Win diese Zahlen in ihrem Vortrag, um aufzuzeigen, wie Frauen systematisch verletzbar gemacht werden. Frauen sind nicht von Natur aus schwach. Vergewaltigungen, Zwangsheirat, sexuelle Sklaverei und Missbräuche sind Machtdemonstrationen von Männern. Kultur wird von den Mächtigen definiert. Es kann jedoch nicht angehen, dass kulturelle Praktiken über den Menschenrechten stehen. Everjoice Win wies in ihrem Beitrag darauf hin, dass eine wirksame HIV-Prävention die Gewalt an Frauen als Menschenrechtsverletzung anprangern muss und Frauenanliegen in den Kampf gegen Aids mit einbezogen werden müssen.
Am Dienstagabend fand ein Marsch für Menschenrechte statt. Ein Marsch, der eine nichtsahnende Person vermuten liess, dass holländische Fussballfans sich in Wien niedergelassen haben: Orange wo man hin sah. Im Vorfeld wurden von den Organisatoren orange T-Shirts verteilt, welche später in der Wiener Innenstadt ein eindrückliches Bild ergaben.
Mitorganisiert wurde der Marsch von Annie Lennox’ „Sing Campaign“. Eine friedliche Demonstration für Menschenrechte und gegen HIV/AIDS: Beeindruckend war wie gesagt die grosse Menschenmenge, welche sich beim Schottentor besammelte. Auch die bunten Schilder, Plakate und Banners vervollständigten das imposante Szenario. Die vielen Vuvuzelas und Pfeifen generierten einen lauten, nicht ganz passenden Soundtrack dazu. Richtung Heldenplatz marschierten die Aktivisten, pilgernd zu der Bühne, auf der Annie Lennox ein abschliessendes Konzert gab. Doch bevor wir in den Genuss der „Singer & Songwriterin“ kamen, hielten verschieden Personen aus den unterschiedlichsten Ländern einige Reden. Eine eher bemühende Angelegenheit, vor allem nur mehr oder minder interessant. Der österreichische Gesundheitsminister wurde ausgepfiffen- wohl nicht nur weil er die Ansprache auf deutsch hielt, sondern auch, weil viele Leute von den nationalen Politikern enttäuscht sind: Österreich hat- genau wie die Schweiz- nur einen „peinlich kleinen Beitrag in den Global Fund eingezahlt“ (Annie Lennox’ Worte...)
Die Nacht brach herein, die wunderschön erleuchtete Kulisse (Eingang Hofburg auf dem Heldenplatz, wo Hitler damals die Macht ergriffen hat- ein historischer Ort, wo nun eine Veranstaltung für Menschenrechte stattfindet) ergab ein bestechendes Bild. Die Menge wartete und dann war es soweit: Nach einem Werbefilm für ihre Stiftung betrat Annie Lennox die Bühne. Die Aktivistin setzte sich an einen schwarzen Flügel und legte los: Eine qualitativ hochstehende Darbietung mit fehlerfreiem Gesang und beflügelnden Klavierklängen. Annie Lennox und ihr Piano berauschten die Menge, ein schönes Bild. Was auf diesem Bild auch auffällt, sind die zwei Dolmetscher welche das Englische in die Gebärdensprache übersetzten. Leidenschaftlich und emotional arbeiteten sie mit ihrem ganzen Körper und liessen Emotionen in die Zeichensprache einfliessen- das Konzert war für alle ein Genuss und sicherlich ein Höhepunkt der AIDS2010 Konferenz. Ein Zeichen für Menschenrechte wurde gesetzt, wir werden sehen, ob dieses Zeichen entsprechend erhört wurde...
Die Rede des neuen südafrikanischen Gesundheitsministers Dr. Aaron Motsoaledi zu „universal access to treatment and prevention“ (universaler Zugang zu Behandlung und Prevention) gibt Anlass zu sehr viel Hoffnung! Motsoaledi, der als Arzt sehr lange im südafrikanischen Gesundheitssystem tätig war, kennt die Herausforderungen der medizinischen Versorgung, Armut und Arbeitslosigkeit von der Basis aus. Seine Aussagen wirkten sehr klar, authentisch, reflektiert und es wurde offensichtlich, dass dieser Gesundheitsminister von dem, was er vorstellt, überzeugt ist.
Gleich zu Anfang seiner Rede räumte er ein, dass Südafrika bei früheren internationalen Konferenzen mit ihrer fragwürdigen Aids-Politik eher isoliert dagestanden habe. Es seien auch viele Chancen verpasst worden, die HIV-Infektionsrate im Land auf einem niedrigen Niveau zu halten. Ein Beispiel: 1990 wurden 0.9 % der schwangeren Südafrikanerinnen HIV-positiv getestet, 2005 waren es bereits 30 % (!). Seither hat sich die HIV-Infektionsrate der südafrikanischen Bevölkerung bei 29 % eingependelt. Angesichts dieser Situation von 5,5 Millionen HIV-positiven SüdafrikanerInnen (fast ein Drittel der Bevölkerung), hat der südafrikanische Präsident Jacob Zuma die neue AIDS-Politik der Regierung im Dezember 2009 mit den Worten vorgestellt: „Es kommt ein Moment in der Geschichte jeder Nation wo sie sich entscheiden muss, ob sie aufgibt oder bereit ist zu kämpfen“.
Südafrika hat sich für den Kampf entschieden und verfolgt eine Aids-Politik, hinter der alle Südafrikanerinnen und Südafrikaner stehen können. Diese Aussage von Motsoaledi wurde mit lautem Tröten von Vuvuzelas im Saal aufgenommen. Motsoaledi brachte den Vergleich mit dem FIFA World Cup auf: Teamplay, Ressourcen mobilisieren, Training und Ehrgeiz seien die wichtigsten Erfolgsfaktoren für eine gute Fussballmannschaft, aber auch für eine aussichtsreiche Aids Politik.
Der konkrete Plan der Regierung umfasst zwei Ziele, die angepeilt werden:
Bis 2011 sollen die Neu-Ansteckung von HIV um die Hälfte reduziert werden und im gleichen Zeitraum sollen 80 % der infizierten Menschen Zugang zu Aidsmedikamente haben. Die Marschroute zur Umsetzung der neuen Aids-Politik umfasst HIV-Tests, wobei Mitglieder der Regierung mit gutem Beispiel vorangegangen sind; die Beratung und Begleitung der Getesteten; die Behandlung und Pflege der Kranken; besserer und schnellerer Zugang zu Medikamenten, d.h. statt gegenwärtig 400 Gesundheitszentren sollen alle 4000 Gesundheitszentren Medikamente abgeben können; sowie besseres Training des Gesundheitspersonals und neue Verteilung der Aufgaben. Die südafrikanische Regierung lässt sich dies einiges kosten, sie hat seit 2009 das Budget für HIV/Aids Prävention und Behandlung auf 2,33 Mia US Dollar verdoppelt. Mit Stolz erwähnt der Gesundheitsminister, dass 83 % dieses Geldes von Südafrika stamme und der Rest von internationalen Aids-Spenden kommt. Wie die meisten internationalen RednerInnen weist er darauf hin, dass eine Kürzung der Gelder für HIV katastrophal wäre, und die Infektionsraten wieder massiv ansteigen könnten. Er betont jedoch auch, dass die vorhandenen Gelder besser und verantwortungsvoller eingesetzt werden müssen. Die Bekämpfung der Korruption bezeichnete er unter anderem als Aufgabe der afrikanischen Staaten, die von der internationalen Hilfe abhängig sind. In ferner Zukunft möchte Afrika von Fremdfinanzierung unabhängig sein. Wir dürfen jetzt die Forderung nach universellem Zugang nicht fallenlassen – dies hiesse unsere Hoffnung auf Leben und Menschenrechte aufzugeben.
Der Montag war ein ereignisreicher Tag mit viel Prominenz: Nebst Bill Clinton hatten auch noch Bill Gates und die norwegische Kronprinzessin Mette-Marit einen Auftritt- und alles bis 14 Uhr. Ein richtiges Stressprogramm, mit viel Laufweg. Was Bill Clinton zu berichten hatte, illustrierten wir bereits. Bill Gates war im Rahmen seiner Stiftung in Wien. Einer seiner Hauptaussagen war, dass „man“ besser mit dem bisherigen Geld umgehen muss, einerseits durch bessere Effizienz aber auch mittels neuen Instrumenten und Methoden. Bill Gates prognostizierte, dass wenn sich im Umgang mit den Geldern nichts ändere, diese ausgehen werden und auch nicht genug neue Mittel generiert werden könnten.
Mette-Marit hingegen war nicht im Rahmen einer Stiftung unterwegs. Ihre königliche Hoheit war an die Eröffnung des „Youth Pavillon“ im Global Village als Rednerin eingeladen. Ihr Anliegen ist „youth empowerment“ und dies hat sich auch sehr sympathisch vermittelt: Nebst einer rhetorisch guten Rede hat sie eine ganz private Seite gezeigt: Zusammen mit ihren Kindern und Kronprinz Haakon hat sie selber Fotos mit kleinen Zettelbotschaften drauf gemacht und diese via Beamer gezeigt.
Unseren Stand haben wir ein bisschen aufgepeppt: Ein Tischtuch macht optisch einiges aus aber was vor allem die Leute an den Stand holt ist die aufgelegte Schokolade- immer das gleiche mit dieser Schokolade, aber immerhin ein verlässliches Mittel...
Das offizielle Programm umfasst die Dicke eines Telefonsbuchs und es ist schwierig bis unmöglich, alles zu erfassen, was den 25'000 Delegierten zur Auswahl steht. Als Erfolg zu vermelden ist sicher, dass 5,2 Millionen HIV-positive/ aidskranke Menschen weltweit Zugang zu Medikamenten haben. Gleichzeitig bleiben diese lebensverlängernden Medikamente aber auch über 10 Millionen Menschen verwehrt. Bill Clinton hat heute morgen unter anderem über diese ungleichen Chancen gesprochen. Entscheidend über Leben und Tod ist, wo ein HIV-positiver Mensch wohnt und wie das Gesundheitssystem dort funktioniert. Die Forderungen nach globalem Zugang zu Medikamenten ist ein Menschenrecht, das von dieser Konferenz eingefordert wird. Denn wer möchte sich die Entscheidung über Leben und Tod anmassen? Dabei sind die neuen Aids-Medikamente auch eine Investition in die Prävention. Studien haben ergeben, dass das Infektionsrisiko von Menschen in Behandlung um 90 % verringert wird.

Nach wie vor ist Aids für Frauen im Alter von 15 – 44 Jahren weltweit Todesursache Nummer 1. Und ist nicht alleine schon diese Tatsache ein Indiz dafür, dass weiter investiert werden muss?
Wenn von Erfolgen gesprochen wird, darf Südafrika nicht unerwähnt bleiben. Die Anstrengungen der Regierung sind seit über 1 Jahr äusserst lobenswert. Vor einigen Jahren noch bestritt die damalige Gesundheitsministerin den Zusammenhang von HIV und Aids und die Anstrengungen der Regierung, die HIV-Pandemie in den Griff zu bekommen waren etwas halbherzig. Der gestrige Auftritt des südafrikanischen Vizepräsidenten Kgalema Motlanthe beeindruckte mich sehr. Er konnte nicht nur vermelden, dass die neue Regierung das Budget für Prävention und Behandlung von HIV/AIDS massiv erhöht hat, sondern stellte auch die verschiedenen Strategien der neuen Regierung vor. Eingeweihte waren ermutigt davon, dass er nichts beschönigte und beispielsweise auch Männer, die mit Männern Sex haben als Zielgruppe angesprochen hat. Kgalema Motlanthe, der zusammen mit Nelson Mandela während der Apartheidzeit für 10 Jahre inhaftiert war, ist im Herzen Aktivist geblieben. Zum Abschluss seiner Rede hat er die Teilnehmenden der Welt Aids Konferenz dazu aufgefordert, Politikerinnen und Politiker weiterhin dazu aufzufordern, ihre Verantwortung für eine wirksame Aids-Politik ernst zu nehmen.
Nach dem bunten Spektakel vom Samstag Abend, wird nun ein seriöser die eigentliche Konferenz eröffnet. AIDS2010, mit dem Motto „rights here, right now“, setzt dieses Jahr die Menschenrechte ins Zentrum des ExpertInnen-Treffs. Dazu gibt es Reden und Vorträge von Politikern, Experten, Promis und NGO-Aktivisten.

In einem etwas kleineren Rahmen gibt es täglich unzählige weitere Sessions, Workshops und Plenumsdiskussionen. Zwei weitere grosse Anlässe während der ganzen Woche sind die kommerziellen Ausstellungen, wo unterschiedlichste Organisationen (Nationale AIDS-Organisationen, UNAIDS, Pharmaunternehmen etc) ihre Arbeit präsentieren und vor allem auch vermarkten. Dann gibt es noch das „Global Village“, eine Präsentationsmöglichkeit für nicht-kommerzielle Organsationen. Nebst hunderten weltweiten Organisationen sind auch wir, aidsfocous.ch und terre des hommes schweiz hier vertreten. „treasure memories“ toolkit for solution focused memory work heisst unsere Mission. An einem kleinen Stand präsentieren wir das toolkit und versuchen (!) es zu verkaufen. Doch viele Leute möchten es nur gratis- denn hier an der Konferenz scheint das Sammelfieber ausgebrochen zu sein: Wer ergattert mehr Prospekte (nicht wirklich schwierig), wo gibt’s noch eine CD? Flyer? Oder sogar ein T-Shirt? (wir haben übrigens einen „wer sammelt am meisten unterschiedliche Kondome-Contest am Laufen). Nun ja, nach der WM und dem Panini-Sammel-Fieber muss halt Ersatz her.

Doch widmen wir uns doch wieder der Eröffnung: Nach bereits einzelnen Veranstaltung während des Tages, fand die grosse Eröffnung am Abend statt. Ein hochkarätiges Programm unter anderem mit dem Südafrikanischen Vize-Präsident und Annie Lennox als RednerInnen- für Bill müssen wir jedoch noch bis morgen warten. Doch nach zwei Stunden wurde man des Zuhörens ein wenig müde, eine Rede nach der anderen war ein bisschen viel, auch wenn die einzlnen Personen interessantes zu erzählen vermochten, die Gedanken wippten weg, es war auch ein langer Tag. Denn zwischendurch eröffnete auch das Global Village und wir haben bereits duzenden von Gästen das Toolkit präsentiert- notabene auf englisch, deutsch, französisch und spanisch. Um 23Uhr gönnen wir uns noch ein Schnitzel und eine Knödelsuppe auf dem Prater bevor auch dieser Tag endet- Morgen früht geht’s dann bereits um 8.30Uhr weiter: mit Bill!
Auch wenn wir uns den Eintritt für den Lifeball nicht leisten können- oder wollen (angeblich kostet ein Ticket über 1000€), möchten wir uns das Spektakel doch nicht entgehen lassen, wir stalken entlang des Red Carpets und bewundern die unglaublich vielfältigen, liebevoll gemachten Kostüme der vielen Besucher. Das Thema des Lifeballs ist „Erde“, die Wiener nehmen das ernst: Wandelnde Bäume, goldene Engel, bunte Gestalten- als nicht-verkleiderter-Normalo kommt man sich fast ein wenig doof vor.Wir geniessen die Fashionshow, doch auf Whoopi, Bill & Co warten wir dann doch nicht- es wird ja später noch amt übertragen. Die riesige Spendengala ist die medien-wirksame Eröffnungszeremonie der AIDS2010-Konferenz. Am kommenden Tag, Sonntag, wird die Konferenz offiziell im Messezentrum eröffnet. Hoffentlich schneiden sich die Organisatoren ein Stück von dieser „bunten Welt“ ab und gestalten die Eröffnung informativ-unterhaltsam.... We will see....Ein paar Eindrücke:
Zur Jubiläumsseite
50 Jahre terre des hommes schweiz
Welt-Aids-Kongress
mehr
Wir betreuen den Stand an der Konferenz gemeinsam mit aidsfocus, der Schweizerischen Plattform HIV/Aids und internationale Zusammenarbeit, mit der auch das Toolkit entwickelt wurde.
Tookit Memory Work für lösungsorientierte Erinnerungsarbeit
mehr
zu Day 1: rights here, right now
zu Day 2: Erfolge? zu Day 2: was sont noch so lief... zu Day 3: Hoffnung für Südafrika zu Day 3: Human Rights March zu Day 4: Können sich Frauen aktiv vor einer HIV-Ansteckung schützen?zu Day 5: YouthAIDS2010zu Day 5: Menschenrechtsansatz in Indien trifft lösungsorientierten Ansatz von terre des hommes schweiz zu Day 6: Eine vergessene Minderheit....zu Day 6: Bye Bye