Treffpunkt Zürcher Flughafen um 10:30. Alle sind neugierig, gut gelaunt und gespannt, wie es auf dem südamerikanischen Kontinent wohl sein wird. Vorab zusammengesuchte Informationen über Recife und Itamaracá werden ausgetauscht. Lachen. Fröhliche Gesichter.
Nach mühsamem Flug ist es endlich so weit, die Lichter von Recife sind erkennbar. Jetzt müssen nur noch alle die strengen Personenkontrollen überstehen und das Tor zur Freiheit steht offen. Eine Gruppe brasilianischer Jugendlicher, teilweise schon bekannte Gesichter, wartet in der Flughafenhalle. Umarmungen, Begrüssungen und erste Versuche der brasilianischen Sprache mächtig zu werden. Oder doch lieber erst die lang ersehnte Zigarette?
Nach herzlicher Begrüssung kommen wir, dank der Klimaanlage im Bus halb erfroren, an unserer Wohnstätte direkt am Meer an. Die Zimmer, welche eher spartanisch eingerichtet sind, beziehen und dann erwartet uns ein königliches Buffet, angereichert mit den deliziösesten Früchten. Die SchweizerInnen müde, die BrasilianerInnen noch leicht distanziert aber trotzdem wild am Tanzen, so endet dieser erste, lange Tag.
Am nächsten Morgen schlafen die einen lange, die anderen zieht es vor dem Frühstück ans Meer, Angewöhnung ist angesagt. Der vorgezogene Besuch im CAMM verpasst einigen fidelen Stimmungen aber einen Dämpfer. So viel Armut und Schreckensschicksale führen zu Sprachlosigkeit. Doch die Fröhlichkeit unserer brasilianischen FreundInnen hilft, diese Eindrücke zu verarbeiten. Tanzen, tanzen, zuschauen und cerveja trinken, das neue Leben geniessen, warum nicht? Inzwischen haben wir uns alle schon besser kennen gelernt, neue Freundschaften beginnen zu blühen.
Für den nächsten Tag ist ein Workshop angekündigt. In einem Hotel beim Forte Orange versammeln sich alle imaginlerInnen, welche das zarte Alter von 26 noch nicht überschritten haben. Erste Annäherungen der Kulturen finden beim gemeinsamen Tanzen und Spielen statt. Danach werden eigene Erfahrungen über imagine und das alltägliche Leben ausgetauscht, interessante, teilweise unerwartete Fakten werden ins Gespräch mit einbezogen. Das Eis ist gebrochen. Ab diesem Zeitpunkt sind wir wirklich eine Gruppe, bisherige Distanz zwischen uns und den BrasilianerInnen geht verloren. Die nächsten Tage sind geprägt von Freundschaft und Respekt für einander.
Am Samstag darf die Schweizer Delegation mit Bewunderung miterleben, was für eine Arbeit in den letzten zwei Jahren für imagine internacional geleistet wurde. Das Festival verläuft fast reibungslos, die OKlerInnen und AGlerInnen von Brasilien können sich endlich entspannen. Das Publikum bewegt sich zu den Rhythmen der Bands und zwar nicht nur mit dem uns vertrauten „hin und her wackeln auf zwei Beinen“. Bei der Schweizer Band MYSS übernehmen wir das Zepter und beweisen, dass auch die Helvetier nicht zu unterschätzen sind.
Das Festival endet mit einem ausgelassenen Tanz auf der Hauptbühne. Lachende Gesichter bei allen, wir werden mit auf die Bühne gezogen, feiern mit. Die Bühne bebt vor lauter Schrittkombinationen, wobei die Brasilianer eindeutig grösseres Durchhaltevermögen zeigen, zumindest was den Hüftschwung angeht. Dann ist auch imagine internacional vorbei. Wehmütige Herzen gehen müde nach Hause. imagine hat das Band zwischen unseren zwei Gruppen und auch innerhalb der Gruppen gestärkt.
Die letzten Tage werden noch ausführlich genossen, die Abende ausgelassen gefeiert. Entweder in „unserem“ Strandpavillon oder in den Strassen von Itamaracá. Wir spazieren durch das Dorf, dort sitzen ein paar die wir kennen, ein paar Meter weiter treffen wir auf weitere vertraute Gesichter, wir fühlen uns alle sehr wohl – und integriert. Schwermütig beschwört sich unser letzter Abend und Tag herauf. Letzte Fotos werden gemacht, Nummern und e-mail-Adressen ausgetauscht, viele Umarmungen, ein paar letzte Strandspaziergänge. Auch die eine oder andere Träne kann nicht vermieden werden.
Ist unser Besuch wirklich schon zu Ende? Müssen wir all die lieb gewonnenen Menschen soweit zurück lassen? Diese Reise war für uns alle sehr bereichernd. Wir haben neue Freunde gefunden oder zumindest einander respektieren gelernt. Ich denke, wir haben uns eine kleine Welt erschaffen, die wir uns mit imagine schon seit fünf Jahren wünschen. Eine Welt ohne Rassismus und Gewalt, in der wir uns offen und mit Respekt begegnen und darauf Freundschaften aufbauen können, egal welche Hintergründe die einzelnen Schicksale prägen.
Lilian Buss (AG imagine)