In der Arbeit gegen die Ausbeutung von Hausmädchen in verschiedenen Ländern des Südens tauchte die Vermutung auf, dass das Problem der minderjährigen Hausangestellten auch die Schweiz direkt betrifft. Um dies zu überprüfen, hat terre des hommes schweiz eine Recherche in Auftrag gegeben, die im Herbst 2004 abgeschlossen wurde. Sie zeigt, dass auch in der Schweiz Hausmädchen ausgebeutet werden.
Zum Beispiel Kader aus der Türkei. Sie musste ihrer Tante den ganzen Haushalt machen, einkaufen, die Kinder in die Schule bringen und dort wieder abholen, das Haus durfte sie sonst kaum verlassen. Lohn bekam sie nicht, ab und zu schickte die Tante der Mutter von Kader etwas Geld. Sie selbst erhielt gelegentlich ein wenig Taschengeld oder Kleider. Kader war 12 Jahre alt, als sie als Hausmädchen zu arbeiten begann.
Die befragten jungen Frauen haben mit 12 bis 18 Jahren in der Schweiz die Arbeit als Hausangestellte aufgenommen. Sie kommen aus Bolivien, Brasilien, Ecuador, Nigeria, Peru und der Türkei. Zwei Schweizerinnen und eine Französin arbeiteten als Au-pairs.
Die Lebens- und Arbeitsbedingungen von Au-pairs und Migrantinnen aus den Ländern des Südens – häufig ohne Aufenthalts- und Arbeitsbewilligung – sind sehr unterschiedlich.
Gemeinsam ist ihnen, dass sie als Hausangestellte arbeiten, weil sie kurz- oder längerfristig kaum andere Alternativen haben. Sie wollen nur vorübergehend als Hausangestellte arbeiten und eine Schwierigkeit ihrer Tätigkeit besteht darin, dass sich Privatsphäre und Arbeit überschneiden.
Migrantinnen haben jedoch im Gegensatz zu Au-pairs, die in kontrollierten Familien arbeiten, nicht die Möglichkeit, sich bei Problemen an eine Vermittlungsorganisation zu wenden. Sie sind der Willkür der Arbeitgebenden schutzlos ausgeliefert.
So auch Gloria aus Peru, die mit 17 Jahren in die Schweiz kam. Ein peruanischer Bekannter hatte ihr angeboten, sich um die vierjährige Tochter seiner Schwester zu kümmern. Im Gegenzug sollte sie studieren können: Leere Versprechungen, wie sich bald herausstellte.
Ihr Arbeitstag begann um fünf Uhr morgens und endete gegen neun Uhr abends. Sie hatte kein eigenes Zimmer und durfte weder ausgehen noch Kontakt mit ihren Eltern aufnehmen. Manchmal wurde sie mitten in der Nacht geweckt, um das Bett der Arbeitgeberin neu zu beziehen. Gloria musste ihr die Füsse waschen oder im Winter draussen vor einem Restaurant warten, in dem die Familie zu Mittag ass. Den Lohn von 50 Franken pro Monat erhielt sie bald nicht mehr, so konnte sie auch das Ticket für eine Rückkehr nach Peru nicht bezahlen. Der Sohn der Familie belästigte sie sexuell und versuchte sie zu vergewaltigten. Als Gloria der Arbeitgeberin davon erzählte, bezeichnete diese sie als Lügnerin. In der Stadt herumirrend wurde sie daraufhin von der Polizei aufgegriffen und erstattete Anzeige gegen die Arbeitgeberin und ihren Sohn. Sie war psychisch in so schlechter Verfassung, dass sie daraufhin sechs Monate in einer psychiatrischen Klinik verbrachte. Während dieser Zeit liess die Arbeitgeberin Glorias Familie in Peru massiv bedrohen, damit sie die Anzeige zurückzieht.
Warum arbeiten Minderjährige als Hausangestellte?
Die Gründe der jungen Frauen als Hausangestellte zu arbeiten, sind unterschiedlich. Sie wissen nach Abschluss der obligatorischen Schulbildung nicht, welchen beruflichen Weg sie einschlagen sollen oder haben in ihrem Herkunftsland keine beruflichen Perspektiven; sie kommen aufgrund von ökonomischen Krisen in die Schweiz oder weil ihnen vermittelnde Personen hier ein besseres Leben versprechen. Aufgrund der schlechten ökonomischen Situation ihrer Herkunftsfamilie ist der Druck häufig gross, sich ein Auskommen zu suchen.
Die Vermittlung der Arbeitsstellen läuft meist über Verwandte und Bekannte oder über Inserate, welche die jungen Frauen sehen oder selber aufgeben. Einzig die Schweizer Au-pairs werden über Organisationen vermittelt.
Die ArbeitgeberInnen sind schweizerische, migrierte oder binationale Familien mit Kindern. Ihr sozialer Hintergrund variiert stark, Ober- wie Unterschicht ist vertreten. Der Zugang zu den minderjährigen Hausangestellten erwies sich – mit Ausnahme der Au-pairs – als sehr schwierig. Kontaktpersonen, die von Bekannten oder Verwandten wussten, dass sie minderjährige Hausangestellte beschäftigen, wurden Absagen oder gar ein Redeverbot erteilt.
Die Untersuchung bewegt sich offensichtlich in einem heiklen Umfeld. Die ArbeitgeberInnen sind sich der illegalen Beschäftigung aufgrund der fehlenden Arbeitsbewilligung bewusst und fürchten um die Konsequenzen. Sie wollen das Anstellungsverhältnis geheim halten und versuchen auch im Alltag die Risiken für sich zu minimieren, indem sie die jungen Frauen in ihrer Bewegungsfreiheit einschränken.
Was ist zu tun?
Um die Situation der minderjährigen Hausangestellten zu verbessern ist es wichtig, die Schweizer Öffentlichkeit auf das Problem aufmerksam zu machen.
terre des hommes schweiz tat dies mit der Tagung „Minderjährige Hausangestellte – in der Schweiz kein Thema?“ am 21. Oktober 2004 und mit Medienarbeit.
Katja Schurter, terre des hommes schweiz