Hausmädchen sind in Brasilien eine Realität, von der alle wissen, die aber niemand wahr haben will. Nicht von ungefähr: Sich mit ihrer Situation wirklich zu befassen bedeutet tief einzutauchen in dunkle Kapitel von Missachtung von und Gewalt gegen Kinder und Jugendliche. In São Luís und Salvador haben ProjektpartnerInnen mir Unterstützung von terre des hommes schweiz den Kampf gegen die Ausbeutung von minderjährigen Hausangestellten aufgenommen.
Von Stefan Studer
Die Praça Ignacio Galvão gehört nicht zu den ersten Adressen von Salvador de Bahia. Zwischen Hafen und Altstadt auf einer Zwischenebene abgelagert, ist es für Touristen nachts nicht unbedingt der Ort, wo man sich alleine aufhalten sollte. Tagsüber aber schöpft das baianische Leben hier aus dem Vollen. Bars und Beizchen, in denen nicht das Beste, aber viel auf den Tisch kommt, wo Reis und Huhn wahrscheinlich erfunden worden sind, kleine Handwerksläden und 20 Quadratmeter grosse „Supermärkte“, Strassenverkauf mit entsprechend lautstarken Anpreisungen, Früchte- und Gemüsestände, die sich ohne ersichtliche Ordnung unter den vier Bäumen ausbreiten. Als Weisser bist du hier etwa so selten wie ein Ferrari, nur würde sich die weitgehend schwarze Bevölkerung mehr für den Ferrari interessieren.
Perspektiven entwickeln trotz...
Kein nobler Ort für ein Universitätsinstitut, aber der richtige. Denn das Centro dos Estudos Afro-Orientais CEAFRO (Zentrum für Ostafrikanische Studien) pflegt nicht nur seine akademischen Pflichten, sondern engagiert sich vorab in konkreter Sozialarbeit, unterstützt von den mächtigen afro-brasilianischen Kulturinstitutionen und terre des hommes schweiz. Seit fünf Jahren arbeiten promovierte Professorinnen und Doktorinnen wie Vanda, Wilma oder Isabelle mit Hausmädchen. Sie haben für sie eine Schule eingerichtet, die sie nebst ihrer Arbeit besuchen können und ihnen die Möglichkeit bietet, verpasste Schulabschlüsse nachzuholen, sich selbst als handelnde Person zu erleben und dadurch Selbstvertrauen aufzubauen, sich mit der eigenen (auch rechtlichen) Situation auseinander zu setzen und Perspektiven zu entwickeln.
Aber die Schule ist nur der eine Schwerpunkt. Das CEAFRO vereinigt auf geradezu optimale Weise akademisches Wissen mit sozialer Verantwortung. Die über 240 Mädchen zwischen 13 und 19 Jahren, die seit 1998 die Schule besucht haben, liefern das ideale Basismaterial für konkrete Feldforschungsarbeit. Die Studie des CEAFRO zur Situation der Hausmädchen im Bundesstaat Bahia lässt denn auch keine Fragen offen, die Resultate sind niederschmetternd.
...oft auswegsloser Lage
In der Kinder- und Jugendarbeit Brasiliens stellen die Hausmädchen mit 27 Prozent den mit Abstand grössten Anteil. Allein in Salvador arbeiten 5'000 Kinder unter 14 Jahren und 12'000 bis 17-jährige in fremden Haushalten. Die Mädchen stammen meist aus verarmten Familien in kleineren Städten des Hinterland, „Arbeitgeberinnen“ in der Hauptstadt sind mehrheitlich Familien aus der unteren Mittelschicht, oft auch entfernte Verwandte oder Frauen und Männer, die sich durch die Aufnahme eines Kindes zu dessen „Gotte“ oder „Götti“ erklären, sich damit als „Verwandte“ aufplustern und damit geschickt dem rechtlichen Status als ArbeitgeberIn entziehen. Für das Kind heisst das: Es hat dankbar zu sein, fühlt sich seiner Herkunfts- und seiner Arbeitgeberfamilie verpflichtet – für die meisten Mädchen eine auswegslose Lage.
Rekrutiert werden die meist schwarzen Mädchen (97 %) oft schon 5- bis 7-Jährig. Nur gerade 51 Prozent gehen zur Schule – das ist die niedrigste Zahl aller arbeitenden Kinder.
Psychische, physische und strukturelle Gewalt gehören zum Alltag. Nichts fehlt auf der Liste: kein Lohn, Erpressung, Bedrohung, Beschimpfung, Beschuldigung, Zwang, Demütigung, Verachtung bis hin zu Schlägen, sexuellen Übergriffen und Vergewaltigung. Nicht zu reden von der oft völligen Überforderung vorab der Kinder durch zu viel Verantwortung, weil sie über Monate den Haushalt inklusive Kleinkinderbetreuung alleine führen müssen. Und die Gewalt nimmt stetig zu. War vor drei Jahren noch jedes vierte Hausmädchen davon betroffen, ist es heute jedes Dritte. 10 Prozent der Mädchen sind massiver sexueller Gewalt ausgesetzt.
Das Tabu sexuelle Gewalt
Gerade die sexuelle Ausbeutung von Hausmädchen war bislang absolutes Tabuthema. Alle wissen davon, niemand will es wahrhaben. Es ist das Verdienst des CEAFRO, die in unserem Auftrag dieser spezifischen und schwierig zu recherchierenden Aufgabe nachging, Licht in dieses finstere Kapitel der Ausbeutung von Hausmädchen zu bringen. Die Palette reicht von Belästigung bis zu Vergewaltigung. Sehr oft beginnt die sexuelle Gewalt schon bei sehr jungen Mädchen (oft und zunehmend schon in der eigenen Familie) und endet nicht selten mit einer unerwünschten Schwangerschaft, die meist zum Ende der Anstellung führt.
Die gleichen erschreckenden Zahlen veröffentlicht das Kinderrechtszentrum in São Luís in seiner ebenfalls von terre des hommes schweiz finanzierten Hausmädchenstudie über den Bundesstaat Maranhão. Der Anteil schwarzer Mädchen in der Hausarbeit ist zwar geringer als in der afro-brasilianischen Hochburg Salvador (82 Prozent der Bevölkerung ist afrikanischer Abstammung), aber ansonsten decken sich die Zahlen und Fakten: 41 Prozent der Hausmädchen sind unter 14 Jahre alt. Das durchschnittliche Wochenarbeitspensum bewegt sich im Bereich gestresster Topmanager, schon 5-Jährige arbeiten mehr als 20 Stunden pro Woche.
Gegen moderne Sklaverei...
Die Lohnpolitik erinnert an Sklaverei. Oft erhalten sie keinen oder höchstens einen minimalen Lohn von durchschnittlich 20 Franken pro Monat. Zwei Drittel der Mädchen werden mit Kleider, Schulmaterial oder Hygieneartikel als Lohn abgespiesen, nur gerade 3,9 % der Mädchen über 16 verfügen über die obligatorische Sozialversicherungskarte.
95 Prozent der Mädchen sind mit der Schule im Rückstand, 81 Prozent davon 3 Jahre und mehr.. Und wenn sie denn überhaupt zur Schule dürfen, müssen sie die ausfallende Arbeitszeit kompensieren. Sie kommen wegen der Arbeit oft zu spät zur Schule und sind wegen fehlender Zeit für Hausaufgaben permanent vom Ausschluss bedroht.
...mit Kampagnen...
Bei dieser Situationsbeschreibung soll es aber nicht bleiben. Sowohl für das Kinderrechtszentrum in São Luís wie das CEAFRO in Salvador nur Basis für die Fortführung der Arbeit mit und für Hausmädchen. Im Zentrum der Anstrengungen stehen Bewusstseins- und Öffentlichkeitsarbeit, denn so lange die Unterdrückung und der Missbrauch der Hausmädchen nicht öffentliches Thema sind, sind kaum Verbesserungen zu erwarten, die gesellschaftlich auch wirklich greifen. In São Luís liegt der Schwerpunkt in einer breit angelegten Kampagne, bei der es auch darum geht, das Thema „Hausmädchen“ in die existierenden Netzwerke der Kinder- und Jugendsozialarbeit einzubringen.
...und Bewusstseinsarbeit
Auch in Salvador ist frau hauptsächlich damit beschäftigt, die privaten und staatlichen Organisation, die sich mit Kinderarbeit auseinander setzen, fit zu machen für die Thematik der Hausmädchen, vorab mit dem Schwergewicht auf der sexuellen Gewalt, in der brasilianischen Gesellschaft ein heikles Unterfangen. Frauen werden nur als Bürgerinnen zweiter Klasse angesehen. Gelten weisse Frauen als rein, heilig, unberührbar, müssen schwarze alle männlichen (Gewalt-)Fantasien ertragen. Dass diese Gewalt nie öffentlich wird, hat vorab mit der ökonomischen Abhängigkeit der Opfer zu tun.
Und gerade die (schwarzen) Hausmädchen haben die schwerste Bürde dieser gesellschaftlichen Wirklichkeit zu tragen. Ihre Lebensbedingungen – Frau, schwarz, totale ökonomische Abhängigkeit – macht sie zu beinah wehrlosen Opfern.