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„Ich bin stolz, Bäuerin zu sein!“

Brasilianische Jugendliche kamen Ende Oktober 2006 in die Schweiz, um sich im Rahmen unserer Kampagne Jugendliche auf dem Lande mit Schweizer Jugendlichen zu treffen und Erfahrungen und Wissen auszutauschen. Unter anderem an einer gemeinsamen Veranstaltung mit der Schweizerischen Landjugendvereinigung und bei einem Besuch auf dem Plantahof in Landquart.

„Dass in der Schweiz für ein Kilo Brot sechs Minuten gearbeitet werden muss, während in Brasilien eine Landarbeiterin acht Stunden für ein Kilo Fleisch und ein Kilo Reis arbeitet, finde ich wahnsinnig“, meint Priska von der Schweizerischen Landjugendvereinigung nach einem Workshop.

„Wo ich lebe, wachsen rundherum Zuckerrohrplantagen, immer wieder überfliegen Flugzeuge unser Dorf und spritzen Pestizide. Die Folge davon ist, dass die Kinder gesundheitliche Probleme haben. Wir versuchen mit dem Umweltministerium gegen die verantwortlichen GrossgrundbesitzerInnen vorzugehen, bis jetzt aber ohne Erfolg“, schildert Suely Machado ihre Situation. Die Monokultur der GrossgrundbesitzerInnen zerstört das Land: verseuchtes Wasser, ausgelaugte Böden, kein Land für Kleinbäuerinnen und -bauern. Diese Realität Brasiliens hat Madeleine von der Schweizerischen Landjugendvereinigung nicht gekannt: „Mein Bild von Brasilien ist geprägt vom Karneval in Rio.“

Gemeinsame Interessen

Am Nachmittag diskutieren die Jugendlichen, ob die Kleinbäuerinnen und -bauern in Brasilien und in der Schweiz gemeinsame Interessen haben: „Preisgerechtigkeit zwischen regionalen und importierten Waren“, meint Podiumsteilnehmer Fredy Müller von der Landjugendvereinigung. „Dies kann einzig durch die Verteuerung des Transports quer durch die Welt und der nichtökologischen Produktion geschehen.“ Valentina Hemmeler von uniterre erinnert daran, dass nur zehn Prozent der Lebensmittel auf dem Weltmarkt gehandelt werden, diese jedoch die Preise der lokalen Produktion drücken. Raimundo da Silva sieht die Gemeinsamkeit im Wunsch nach einem Existenz sichernden Einkommen für Bäuerinnen und Bauern und findet, dass sich brasilianische wie schweizerische Bauernfamilien zu einer landwirtschaftlichen Bewegung zusammenschliessen sollten.

Unterschiede

Am Plantahof in Landquart sind die SchülerInnen beeindruckt von den Unterschieden zwischen Brasilien und der Schweiz: Grossgrundbesitz in Brasilien umfasst 100'000 ha und mehr, während Kleinbäuerinnen und -bauern zwei bis fünf Hektaren zur Verfügung haben. Demgegenüber umfasst der grösste private Betrieb in der Schweiz 150, ein durchschnittlicher Bauernhof 15 bis 20 Hektaren.

Perspektiven

Was muss getan werden, damit Jugendliche auf dem Land bleiben? Die brasilianischen Jugendlichen haben dies in einer Studie erforscht: Zugang zu Bildung, Gesundheitsversorgung und Information, Organisations- und Einkommensmöglichkeiten für Jugendliche sind die wichtigsten Punkte. Davon sind die Bedürfnisse, welche die schweizerischen Jugendlichen aufzählen, nicht weit entfernt: Arbeitsplätze, Direktzahlungen, Infrastruktur. Fatima Sabino möchte von den SchülerInnen wissen, wie sie ihre Perspektiven sehen. „Weiterhin von der Landwirtschaft leben und die Leute, die nichts mit der Landwirtschaft zu tun haben, in unseren Tälern halten, um Arbeitsplätze zu sichern“, ist eine Antwort.

In beiden Ländern hat die Landwirtschaft kein gutes Image. „Ich bin stolz, dass ich Bäuerin bin, ich bin glücklich mit diesem Leben“, betont Fatima. Später kommt ein Schüler des Plantahofs auf sie zu und meint: „Ab sofort werde ich mich nicht mehr schämen Bauer zu sein, sondern mir ein Beispiel an euch nehmen und stolz darauf sein.“

Den brasilianischen Jugendlichen fällt auf, dass sich vor allem junge Männer zu Wort melden. Sie möchten wissen, wie hier die Geschlechterbeziehungen sind. „Bei Jüngeren ist dies kein Problem“, meint eine Schülerin. „Ältere Leute haben jedoch oft Mühe damit, wenn eine Tochter den Hof übernimmt. Nach wie vor ist es selbstverständlich, den Sohn zu ermutigen, die Maschinen bedienen zu lernen, die Tochter jedoch nicht.“

Was ist Mobbing?

Am Ende ihres Aufenthalts treffen sich Fatima, Suely und Raimundo mit Jugendlichen der Gewerkschaft unia in Basel. Sie schildern ihren ersten Eindruck von der Schweiz: Reiches Land, guter Zugang zu Bildung und viele Arbeitsmöglichkeiten. Die SchweizerInnen zählen die Hauptschwierigkeiten der Jugendlichen auf: Ausbildung, Familienverhältnisse und die Lehrstellensuche. Suely versteht nicht, warum Bildung ein Problem ist, wenn doch der Zugang zu Bildung im Gegensatz zu Brasilien unbürokratisch sei. Alex berichtet von der starken Selektion in Schweizer Schulen, wo zurückbleibt, wer nicht mitkommt.

„Warum sind in der Schweiz die Selbstmordzahlen so hoch?“ werden die unia-Jugendlichen gefragt. Mobbing und Leistungsdruck antworten sie, aber die BrasilianerInnen kennen Mobbing nicht und den SchweizerInnen fällt es schwer, dieses Phänomen zu erklären. Im Gegenzug können sich die Schweizer Jugendlichen das Ausmass an Solidarität, das in Brasilien üblich ist, nicht vorstellen. „Wenn in unserer Gemeinschaft eine Familie keine Gesundheitsversorgung hat, solidarisieren sich alle. Wir legen zusammen und gehen zur Klinik, um zu protestieren, wenn es sein muss“, erklärt Suely.

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Maria de Fátima Sabino dos Santos ist eine 18-jährige Bio-Bäuerin. Als ihr Bruder in die Stadt São Paulo auswanderte, übernahm sie sein Stück Land zur Bearbeitung und entwickelte ein Modell für biologische Anbaumethoden.

Das Land von Jones, einem Kleinbauern in Abreu e Lima, ist ein Musterbeispiel dafür, was mit ökologischer und sozial verträglicher Landwirtschaft, wie sie auch Fátima lehrt und betreibt, erreicht werden kann. Jones ist ein Pionier für die von Sabiá geförderte agroflorestale Landwirtschaft und geniesst heute internationales Ansehen.

Projektbericht: Kleinbauernfamilien setzen auf neue Anbaumethoden (pdf)


 

Die 26-jährige Suely Maria Machado hat Agrartechnik studiert. Als Bauerntochter wurde sie an der Universität wegen ihrer Herkunft oft diskriminiert.

Die Landpastorale von João Pessoa, bei der Suely mitarbeitet, begleitet in Tambauzinho Kleinbauernfamilien in ihrem Kampf gegen den Grossgrundbesitzer, der das ihnen zugeeignete Land für sich beansprucht als Spekulationsobjekt für Hotelbauten und die Einrichtung einer hochgiftigen Crevettenzucht.
mehr zum Kampf um Land in Tambauzinho
Projektbericht (pdf)


 

Der 23-jährige Raimundo Alves da Silva studiert Geschichte und ist Lehrer in seinem Dorf.

Kleinbauern der Genossenschaft ASSEMA, deren Mitglied auch Raimundo ist, diskutieren die Weiterentwicklung eines Laborfeldes für ökologische Landwirtschaft im Hinblick auf die Umstellung auf eine diversifizierte Ananasbepflanzung.
Projektbericht (pdf)