20.03.2017

Den Fängen der Maras entkommen

Armut und Gewalt haben El Salvador fest im Griff und treiben viele Jugendliche in die Arme krimineller Banden. Wo der Staat sie im Stich lässt, nimmt Quetzalcoatl die Sorgen und Ängste gefährdeter Jugendlicher ernst. Unsere Partnerorganisation leistet einen entscheidenden Beitrag, dass die Gewalt nicht weiter eskaliert.

Andrea Zellhuber, Themenverantwortliche Gewaltprävention

Jugendliche und junge Erwachsene unsereres Projektes von Quetzalcoatl.

"Unsere Nachbarn hatten Angst vor uns. Wenn wir die Strasse entlang gingen, wechselten die Leute auf die andere Seite", sagt Andrés Hernández (Name geändert), 23 Jahre, aus Apopa, einer Stadt mit 150 000 Einwohnern im Grossraum von San Salvador. Apopa, wo sich fünf Banden (Maras) die Herrschaft streitig machen, hat die zweithöchste Mordrate El Salvadors. Andrés Hernández war 13, als er Mitglied einer Jugendbande wurde. Mit 14 Jahren wanderte er für ein halbes Jahr ins Gefängnis. "Wir haben richtig viel Scheiss gemacht. In der Zeit bin ich nur in der Gang abgehangen. Ich habe schlimme Fehler gemacht", berichtet er ausweichend. Genaueres will er nicht erzählen.
 
Ausstieg bevor es richtig los ging
Anders als viele seiner Altersgenossen hatte er jedoch Glück: Nach seinem Gefängnisaufenthalt kam er in Kontakt mit den Sozialarbeitern von Quetzalcoatl, der Partnerorganisation von terre des hommes schweiz in Apopa. Das war die Wende in seinem Leben. Durch ihre enge Begleitung, die vielen Gespräche und Workshops, konnte er sich mit seiner Situation und seinen Taten auseinandersetzen. Zugleich lernte er in der Jugendgruppe, sich selbst und andere zu respektieren. Mit der Unterstützung von Quetzalcoatl schaffte er den Ausstieg aus der Kriminalität, bevor seine kriminelle Karriere ernsthaft losging.
 
Das Erbe des Bürgerkrieges
Der Weg, den Andrés Hernández mit 13 eingeschlagen hatte, hätte ihn sonst endgültig in die harte Kriminalität und mit grosser Sicherheit in den Tod geführt. El Salvador hat eine der höchsten Mordraten der Welt. Gewalt ist in dem zentralamerikanischen Land allgegenwärtig. Davon sind vor allem Jugendliche betroffen – sowohl als Opfer wie als Täter. Sie sind für eine Rekrutierung durch die Gangs besonders anfällig. Oft kommen die Gang-Mitglieder aus zerbrochenen Familien, sehen keine andere Lebensperspektive und haben eine Riesenwut im Bauch. Denn Armut und Kriegstrauma haben das Land auch 25 Jahre nach dem Ende des Bürgerkrieges (1980 – 1992) noch fest im Griff. Die lange Gewalt-Geschichte des Landes hilft zu verstehen, warum die Jugendgewalt heute so ein schreckliches Ausmass erreicht. Während des Krieges flohen unzählige Jugendliche in die USA, wo sie in Kontakt mit Strassen-Gangs kamen. Zur Selbstverteidigung gründeten sie ihre eigenen Banden. Nach dem Krieg wurden dann viele in ihre Heimat abgeschoben. Sie importierten die Gang-Kultur in das vom Krieg zerrüttete Land. Die Hoffnungslosigkeit der Nachkriegsjahre war ein fruchtbarer Nährboden für die gewalttätigen Maras, die sich rasant ausbreiteten. Heute zählen die Banden schätzungsweise 70 000 Mitglieder und 750 000 Sympathisanten. Die Gangs bieten ihnen mit ihren strengen Regeln und brutalen Ritualen Struktur und Schutz. Für viele Jugendliche sind sie quasi ein Familienersatz.

Staat reagiert überfordert mit Repression
Der Staat ist seinerseits von der Situation überfordert. Für die Bildung und Förderung Jugendlicher stehen kaum finanzielle Ressourcen zur Verfügung. Ebenso wenig betreibt er eine Präventionspolitik, die sich mit den Ursachen dieser Entwicklung auseinandersetzt und soziale Gegenmassnahmen erarbeitet. Die Regierung reagiert lediglich mit Repression, allgegenwärtiger Polizeipräsenz und Gewalt. Die Sicherheitskräfte handeln oft willkürlich, ohne irgendwelche Sanktionen befürchten zu müssen.
 
Maras oder Polizei – wer ist schlimmer
Bei Jugendlichen reicht ein Tattoo, ein bestimmtes Outfit oder eine bestimmte Frisur, um der Polizei verdächtig zu erscheinen. "Als Jugendlicher wird man eigentlich immer als potentieller Krimineller oder als Nichtsnutz abgestempelt. Jung zu sein ist ein Verbrechen in diesem Land", stellt Andrés Hernández fest. Die Bevölkerung der Armenviertel ihrerseits hat meist sogar mehr Angst vor der unberechenbaren Polizei als vor den Maras. Denn die Gang-Mitglieder kommen aus dem eigenen Quartier, mit ihnen können sie in manchen Fällen verhandeln.
 
Alternativen zur Überlebensstrategie Mara
Wo der Staat versagt, füllen vor allem Nichtregierungsorganisationen wie Quetzalcoatl, die von terre des hommes schweiz finanziell und mit Knowhow unterstützt wird, die Lücke. Quetzalcoatl bietet gefährdeten Jugendlichen San Salvadors, die noch nicht in den Fängen der Maras gelandet sind, Alternativen zur Überlebensstrategie Mara. Und sie zeigt jenen, die erste kriminelle Erfahrungen gemacht haben, Wege aus der Gewaltspirale auf. Dafür brauchen ihre Sozialarbeiter sehr viel Geduld, Geschick und Einfühlungsvermögen, denn die jungen Leute fühlen sich durch Vorurteile und Misstrauen in eine Ecke gedrängt.
 
Mitarbeiter kommen aus dem gleichen Umfeld
Die Mitarbeiter und Freiwilligen von Quetzalcoatl wissen, wie es den Jugendlichen geht. Sie sind selbst jung, kommen aus dem gleichen Umfeld und kennen ihr Bedürfnis nach Zugehörigkeit und Respekt. In der Gruppe bieten sie den Jugendlichen einen geschützten Rahmen, um ihre Sorgen und Ängste zu teilen. Quetzalcoatl erarbeitet mit ihnen gewaltfreie Gemeinschaftsaktivitäten, bei denen sie ihre eigenen Ideen und Interessen einbringen und sich zugleich für Verbesserungen in ihrem Quartier engagieren können. Zudem werden jeweils einige Jugendliche aus diesen Gruppen zu Jugendleitern ausgebildet, die ihrerseits neue Jugendgruppen aufbauen und positive Vorbilder für andere gefährdete Jugendliche werden – so wie Andrés Hernández.

Eine neue Chance für Andrés Hernández
"Anfangs verstand ich nicht recht, was die Leute von Quetzalcoatl von mir wollten", erinnert er sich an seine ersten Kontakte mit der Organisation. "Sie waren aber beharrlich und die Treffen in der Jugendgruppe bewegten etwas in mir. Irgendwann verstand ich, dass mein Leben nie besser wird, wenn ich in der Gang bleibe." In der Gruppe konnten die gut 30 Jugendlichen Themen ansprechen, die in der Schule nie vorkamen. Da ging es um Sexualität, Konfliktbearbeitung und darum, wie die Jugendlichen in der Gemeinde behandelt werden. "Wir haben uns dann überlegt, was wir in unserem Viertel machen könnten. Da war beispielsweise der einzige kleine Fussballplatz in unserem Quartier, der total zugemüllt und verwahrlost war. Deshalb machten wir eine Müllsammelaktion und strichen die Pfosten", berichtet Andrés Hernández über die ersten Aktionen seiner Gruppe. Erst wollten die Nachbarn nicht mitmachen. "Aber wir haben nicht aufgegeben und mit der Zeit haben uns immer mehr Leute vertraut und sich beteiligt." Es folgten von den Jugendlichen organisierte Feste und Quartieraktivitäten, in die auch die Eltern und die Nachbarschaft einbezogen wurden. Diese konkreten und sichtbaren Aktivitäten förderten das Gemeinschaftsgefühl im Viertel und änderten die Haltung gegenüber den Jugendlichen komplett. Heute hält die Quartiergemeinschaft besser zusammen und kann so der weiteren Eskalation der Gewalt besser entgegentreten und sich schützen.
Und Andrés Hernández? Er lebt bei seinen Eltern und arbeitet als Sozialarbeiter in einem Gefängnis. Er wirkt sehr reif für seine 23 Jahre, sicher und auch optimistisch. Er hat gelernt, dass er seinem Leben aus eigener Kraft eine positive Wende geben kann - eine Erkenntnis, die er jetzt anderen weitergibt.

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Bild von unserem Newsletter vom Juli 2014.

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