07.06.2018

"Männer sind von Gewalt gegen Frauen genauso betroffen"

terre des hommes schweiz hat vor einem Jahr drei Methodenverantwortliche eingestellt, die Officers for PSS and Youth Participation (OPY). Vor einigen Wochen besuchte unser OPY für Tansania, Abubakar Mutoka Balibanga, Basel. Wir wollten von ihm wissen, wie es um die geschlechtsspezifische Gewalt in Tansania steht.

Nahaufnahme von Abubakar Mutoka Balibanga. Er sitzt an einem Tisch im Büro in Basel.

Abubakar Mutoka Balibanga, als OPY begleiten Sie in Tansania unter anderem Projekte wie dasjenige von NELICO zu geschlechtsspezifischer Gewalt (engl. GBV). Welche Bedeutung hat diese Art der Gewalt für Tansania?
Geschlechtsspezifische Gewalt ist in Tansania sehr weit verbreitet. Statistiken zeigen, dass über 40 Prozent der Frauen ab dem Alter von 15 Jahren schon geschlechtsspezifische Gewalt erlebt haben. Die Statistiken zu Genitalbeschneidungen, zu Frühverheiratung, zu sexueller Gewalt und Vergewaltigung zeichnen ein sehr ernstes Bild.
 
Welche Folgen hat GBV denn für die Entwicklung des Landes?
Geschlechtsspezifische Gewalt schränkt die Fähigkeit der Frauen und Mädchen zur Entwicklung des Landes beizutragen stark ein. Sie ist unter anderem die Ursache ernster Gesundheitsprobleme, wie unerwünschte Schwangerschaften oder eine hohe Müttersterblichkeit. So sind in Tansania alle Menschen in irgendeiner Weise von GBV betroffen - auch die Männer.
 
Wie sind denn die Männer betroffen?
Das Wohlergehen der Familien, welche die Basis der Gesellschaft sind, hängt von den Beziehungen und dem Umfeld ab. Wenn es in der Familie Gewalt gibt und dadurch ein unsicheres, instabiles soziales Umfeld entsteht, beeinflusst das auch den Mann. Zudem gibt es Hinweise, dass GBV auch mit der Krankheitshäufigkeit von HIV/Aids verbunden ist. Durch die Gewalt werden entweder der Mann oder die Frau oder beide einem höheren HIV-Risiko ausgesetzt.
 
Woher kommt die Gewalt?
Sie ist zum Teil kulturell bedingt und ist eine Frage der Sozialisierung. Für Männer ist generell ihr Status, ihre Macht und Position wichtig. Sie nutzen Gewalt als Mittel, ihre Position zu sichern und ihren Status zu bekräftigen. Deshalb fällt es ihnen schwer GBV als Nachteil für sich selbst zu verstehen.
 
Wer ist besonders von GBV betroffen?
Es gibt Formen dieser Gewalt, die in bestimmten Gemeinschaften eher vorkommen. Wir wissen beispielsweise, dass weibliche Genitalverstümmelung vor allem in einigen bestimmten Regionen vorkommt. In anderen Regionen ist vor allem die Frühverheiratung vorherrschend und in wieder anderen Regionen sind die Zahlen physischer, häuslicher und sexueller Gewalt sehr hoch. Aber grundsätzlich ist sie in allen Formen sehr weit verbreitet. Es gibt keine Gemeinde, keinen Distrikt oder keine Region, von der wir sagen können, dass sie vor GBV sicher sei.
 
terre des hommes schweiz engagiert sich für Jugendliche. Wie sind sie von GBV betroffen?
Tansania hat eine sehr junge Bevölkerung. Menschen ab 35 Jahren stellen nur gerade 30 Prozent der Gesamtbevölkerung. Weitere 35 Prozent sind zwischen 10 und 34 Jahre alt. Und die restliche Bevölkerung ist unter 10 Jahre alt. Das bedeutet, dass die meisten Fälle von GBV auch Jugendliche und junge Erwachsene betreffen.
 
Ein OPY begleitet die Partnerorganisationen bei der Anwendung der psychischen und sozialen Unterstützung (PSS), des lösungsorientierten Ansatzes (SFA) und der Jugendpartizipation (JP) in den Projekten. Wie wichtig sind diese Instrumente in der Arbeit mit den Jugendlichen?
Jugendpartizipation, wie wir sie umsetzen – wir trainieren Jugendliche, um weitere Jugendliche zu erreichen – ist eine sehr starke Methode. Jugendliche wissen, wo sie andere Jugendliche finden, was sie wo tun, was sie beschäftigt und wie sie mit ihnen reden können. Denn Jugendliche einzubeziehen schafft einen sicheren Raum, in der es für die Jugendlichen einfach ist über GBV zu sprechen. Sie können dort in einer Sprache sprechen, die sie verstehen und der kein Stigma anhaftet. Ein Raum, wo es keine Scham gibt, Sachen klar zu benennen. Innerhalb der Partnerorganisationen stärken wir ausserdem die Partnerschaft zwischen Älteren und Jüngeren. Die Älteren haben Erfahrung, Fähigkeiten und Wissen, mit denen sie Jugendliche unterstützen können. Wir möchten aber auch deutlich machen, dass das, was die Jugendlichen tun, nicht nur ihnen selbst etwas bringt, sondern der ganze Gemeinschaft. Sie werden Handelnde für das soziale Wohlergehen ihrer Gemeinschaften. Und sie senden die Message aus: Wir sind jung, haben Energie und können zur Lösung der Probleme der Gesellschaft viel beitragen.
 
Wissen die Jugendlichen denn überhaupt, dass sie diese Fähigkeiten haben?
Das ist eine gute Frage. Gerade von GBV betroffene Jugendliche glauben oft, dass sie nichts können und nutzlos sind. Da kommen PSS und SFA ins Spiel: Sie erlauben es uns in der Arbeit mit ihnen ihre Stärken zu erkennen und weiter zu entwickeln. Wir unterstützen sie in der Wahrnehmung ihrer Fülle an Fähigkeiten und Kompetenzen, nähren diese und ermöglichen es ihnen zu wachsen.
 
Wie schwierig ist es die Älteren, die das Sagen haben und für die der Status quo gut ist, dazu zu bringen zu sehen, dass Veränderung nötig ist?
Das ist sehr schwierig. Aus einer traditionellen afrikanischen Perspektive sind junge Leute einfach nur jung und es gibt so viele von ihnen. Wir müssen den Älteren verständlich machen, dass es in dieser Masse junger Menschen viele gibt, die etwas schaffen. Es ist wichtig, dass sie die positiven Seiten dessen wahrnehmen, was junge Leute tun, und wie viel sie zu ihren Gemeinschaften beitragen. Dann können wir mit dem Dialog zwischen den Generationen anfangen.
 
Mit wem führen unsere Partnerorganisationen diesen Dialog?
Zum einen konzentrieren wir uns auf den Austausch mit den lokalen und traditionellen Führern, weil sie Türöffner in ihren Gemeinden sind. Wenn wir ihre Sichtweise auf die Jugendlichen verändern können, wird das in der ganzen Gemeinde wahrgenommen und hat einen grossen Einfluss auf die ganzen Gemeinde. Ebenso wichtig ist es mit Eltern zu arbeiten. Nur ist es manchmal schwierig diese zu erreichen.
 
Und doch kommen manchmal Nachrichten, die den Eindruck vermitteln, dass sich nichts verändert – wie beispielsweise wenn der Präsident schwangeren Mädchen verbietet in die Schule zu gehen. Erreichen wir überhaupt eine Veränderung?
Es gibt einige wirklich gute Entwicklungen. Es wurden Gesetze und Regierungsprogramme geschaffen, die versuchen GBV einzudämmen und zu regulieren. Manchmal passiert es aber, dass ein Führer sich entscheidet in die entgegengesetzte Richtung zu gehen. Das bedeutet aber nicht, dass das ganze Land keine Fortschritte macht. Ich sehe das eher als Herausforderung, dass die Organisationen, die sich zum Thema GBV engagieren, weiter machen müssen. Es gibt immer noch viele Leute, die keine Veränderung wollen und Widerstand leisten. Aber wir arbeiten hart daran Wege zu finden, wie wir das ändern können. Der Kampf gegen GBV hat erst begonnen und es liegt noch ein langer Weg vor uns.

Das Interview führte Sascha Tankerville

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