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9. Juni 2021

«Wir müssen die Gewalt beenden»

Hauptbild Abubakar By Sascha
Hauptbild Abubakar By Sascha

Abubakar Mutoka von terre des hommes schweiz coacht als sogenannter Technical Advisor unsere Partnerorganisationen im Nordwesten von Tansania bei der Jugendarbeit. Er spricht über seine fachliche Kompetenz und Motivation für ein besseres Leben von Jugendlichen und ihren Gemeinden in der Lake Zone. Und er erzählt eine schöne Erfolgsgeschichte aus Kigoma. Das Interview in fünf Teilen.

Teil 1: Abubakar Mutoka über die Expertise und Motivation für seine soziale Arbeit

Mein Name ist Abubakar Mutoka. Ich komme aus der Demokratischen Republik Kongo und lebe seit über zwanzig Jahren in Tansania. Ich war in verschiedenen Organisationen tätig, so auch beim Roten Kreuz. Ich habe Soziale Arbeit studiert und als Tutor gearbeitet. Als Programm-Manager bei Kividea, Jugendorganisation in Kigoma und Projektpartnerin von uns, lernte ich terre des hommes schweiz kennen. Vor vier Jahren bekam ich dann die Stelle als Technical Advisor. Unser Büro ist in Dar es Salam, ich bin aber sehr viel unterwegs im Land.

In meiner Rolle als Technical Advisor unterstüt ze ich unsere Partnerorganisationen im Nordwesten von Tansania, damit sie psychosoziale Begleitung, den lösungsorientierten Ansatz sowie die Jugendpartizipation gekonnt anwenden. Ich sehe meine Arbeit als eine Art Massnahme zur Qualitätssicherung. Wir stellen sicher, dass unsere Projektpartner bei ihrer Arbeit mit jungen Menschen und ihren Gemeinden professionell vorgehen.

Was motiviert Sie für Ihre Arbeit?

Zunächst sagt es mir schlicht und einfach zu, so zu arbeiten. Als ich meine Ausbildung in Sozialarbeit beendet hatte, begann ich zu unterrichten und merkte: Ich will kein Lehrer sein. Ich will lieber direkt mit den Menschen etwas bewirken, und das ist es, was ich jetzt tue. Da kommt man direkt mit Jugendlichen in Kontakt und kann ihnen im besten Fall helfen. Durch das, was wir gemeinsam erreichen, sehe ich, wie sie auf ihrem Weg weiterkommen. Das ist mir eine grosse Freude. Ich sehe, wie sich ihr Leben zum Besseren ändert. Das ist meine Motivation und das hält mich selber am Laufen.

Es geht nicht nur darum, Mittel und Geld an die Projekte zu schicken. Wir wollen sicherstellen, dass die Projekte dazu beitragen, das Empowerment der Jugendlichen in Tansania zu erreichen. Wir wollen der Gewalt und dem Missbrauch ein Ende setzen. Es geht uns um die Würde aller Menschen und darum, ihre Rechte und ihr Wohlergehen nachhaltig zu sichern.

Teil 2: Was die Menschen in der Lake Zone beschäftigt

Wie ist die Situation im Nordwesten von Tansania? Was beschäftigt die Menschen und insbesondere die Jugendlichen?

Abubakar Mutoka: Die meisten unserer Projekte befinden sich in der sogenannten Lake Zone rund um den Viktoriasee, vor allem um die Städte Mwanza und Kagera. Kigoma, wo terre des hommes schweiz weitere Projekte hat, liegt etwas weiter entfernt an der Grenze zur DR Kongo und Burundi. Charakteristisch für diesen Teil des Landes ist: Die Lake Zone ist eine sehr belebte Region mit wirtschaftlicher Dynamik, einer intensiven Fischereiindustrie und auch vielen Bergbaugebieten.

Auf der sozialen Ebene ist die Situation jedoch ganz anders. Zum Beispiel ist die Kagera-Region, in der 1983 der allererste HIV-Fall registriert wurde, immer noch eine Region mit einer hohen HIV-Infektionsrate. Es gibt viele HIV- und Aids-Waisen und etliche Familien, die im Laufe der Jahre von der HIV-Epidemie heimgesucht wurden.

In anderen Teilen der Lake Zone, vor allem in Mwanza und in einigen der angrenzenden Regionen, gibt es eine hohe Prävalenz von geschlechtsspezifischer Gewalt (GBV), mit zahlreichen Fällen von Kinder- und Teenage-Schwangerschaften. Viele Mädchen brechen die Schule wegen ihrer Schwangerschaften ab.

Hat die Corona-Krise zu mehr Fällen von GBV und Mädchenschwangerschaften geführt?

Ja, das kann man so sagen. Aber natürlich waren diese Probleme auch schon vor der Pandemie ein Problem. Die Situation ist ziemlich verzwackt. Es gibt bisher noch keine verlässlichen Zahlen zur neuen Gesundheitskrise. Allerdings sind sich viele Menschen der Bedrohung sehr bewusst. Wir Mitarbeitenden von internationalen Entwicklungsorganisationen sehen einige gesundheitliche Auswirkungen der Pandemie in den Gemeinden.

Was die Menschen aus Kigoma oder Kagera jedoch am meisten beunruhigt, ist, dass die Verbindung zu den Nachbarländern schwierig geworden ist. Viele von ihnen können nicht ihrer regulären Arbeit nachgehen, die oft bedeutet, dass die Landesgrenzen überschritten werden. Einige unserer Nachbarländer wie Ruanda oder Uganda haben strenge Covid-19-Vorschriften erlassen. Die Grenzen sind seit langem geschlossen, das verhindert den Handel im Grossen und im Kleinen.

Wie hoch ist die Jugendarbeitslosigkeit in der Lake Zone?

Die Jugendarbeitslosigkeit ist in ganz Tansania hoch, zunächst einmal aus dem einfachen Grund, dass der Anteil junger Menschen im Land sehr hoch ist. Rund 70 Prozent sind unter 35 Jahre alt. In der Nähe eines unserer Projektgebiete liegt zum Beispiel Geita, eine Region mit viel Bergbau und hoher Arbeitslosigkeit, oder aber Kigoma, eine abgelegene Region mit einem Mangel an grundlegenden Einrichtungen im Vergleich zu anderen Regionen in Tansania und mit Abertausenden Flüchtlingen aus Burundi und der DR Kongo. Dies alles sind Faktoren, die zu einer hohen Arbeitslosenrate und insbesondere zur Jugendarbeitslosigkeit beitragen.

Teil 3: Eine neue Ära mit der neuen Präsidentin?

 

Tansania hat eine neue Präsidentin. Samia Suluhu Hassan ist die erste Frau, die das ostafrikanische Land regiert. Ihr wird nachgesagt, kommunikativ und versöhnlich zu sein, die Meinungsfreiheit hochzuhalten und die Pandemie ernst zu nehmen. Es scheint, dass mit ihr eine neue Ära begonnen hat.

Abubakar Mutoka: Es ist richtig, wir sehen bereits einen Regierungswechsel. Unsere neue Präsidentin hat ein Gesundheitskomitee gegründet, das die Regierung berät. Und vor zwei Tagen hat die Regierung neue Richtlinien und Vorschriften für Covid-19 erlassen.

Wir sehen eine Veränderung in der Tonalität und im Verhalten unserer Präsidentin. So hat sich nur kurze Zeit nach ihrem Amtsantritt bereits mit Vertretenden der Weltgesundheitsorganisation WHO getroffen und ging auf Staatsbesuch nach Kenia. Das sind alles positive Zeichen dafür, dass eine neuen Ära begonnen hat. Es gibt guten Grund zur Hoffnung, dass sich die Dinge für die Menschen in Tansania verbessern werden.

Wir der Präsidentenwechsel in Tansania auch positive Veränderungen für unsere Partnerorganisationen im Land zur Folge haben?

Wir als terre des hommes schweiz arbeiten zu Themen wie sexuelle und reproduktive Gesundheit und Rechte und zu geschlechtsspezifischer Gewalt (GBV). Wir wissen, dass die Haltung des ehemaligen tansanischen Präsidenten zu Themen wie Familienplanung nicht positiv war. Mit einer Frau an der Spitze des Landes stehen die Zeichen gut, dass es vorwärts geht mit der Geschlechtergerechtigkeit und einer Politik der Stärkung gegen sexuelle Gewalt an Frauen und Kindern.

Teil 4: Was unsere tansanischen Partnerorganisationen bewirken

 

Was zeichnet die Arbeit unserer Partnerorganisationen in Tansania aus?

Abubakar Mutoka: Zunächst einmal geht es um Themen, die für die Sustainable Development Goals (SDGs) relevant sind. Wir setzen uns für mehr Zugang zu sexueller und reproduktiver Gesundheit und Rechten ein, für die Prävention und den Schutz von Gewalt gegen Frauen und insbesondere Mädchen und für den Zugang zu Bildung für Mädchen.

Ich habe bereits darüber gesprochen, dass Mädchen schwanger werden und die Schule für immer abbrechen. Das sind gewaltige Themen, die von den SGDs angesprochen werden. Dabei geht es auch um HIV und Aids, die wie erwähnt immer noch sehr verbreitet sind in der Lake Zone. Alle jungen Menschen müssen Zugang zu Informationen und Gesundheitsdiensten in ihren Gemeinden haben.

Vor welchen Herausforderungen stehen die Partnerorganisationen von terre des hommes schweiz in ihrer Arbeit mit jungen Menschen und ihren Gemeinden in der Lake Zone?

Wir arbeiten in Gemeinden mit starken Traditionen. Manchmal berauben sie Mädchen und junge Frauen ihrer Möglichkeiten. Sie setzen Frauen und Kinder der Gefahr von Gewalt in ihrem Zuhause und in der Gemeinde aus. Sexuelle Gewalt hat verheerende Auswirkungen auf ihre Ausbildung und ihr ganzes Leben. Versehrte Mädchen und junge Frauen sind ausgeschlossen vom Zugang zu grundlegenden lebensrettenden Dienstleistungen. Das ist der Grund, warum wir unsere Arbeit tun.

Was tun Sie also konkret?

Wir schaffen Bewusstsein für die menschlichen Grundrechte und gegen Gewalt an Frauen und Mädchen und wir helfen den Jugendlichen, ihren Eltern und den Gemeinden, diskriminierende und gewalttätige Praktiken und Traditionen zum Positiven zu verändern. Wir versuchen, die Menschen zu mobilisieren, gemeinsam Lösungen für ihre Probleme zu finden und füreinander da zu sein für ein besseres Leben.

Dabei ist der lösungsorientierte Ansatz zentral. Damit zu arbeiten bedeutet, dass man den Jugendlichen hilft, ihre Potenziale zu erkennen und ihre Stärken und die Möglichkeiten, die es gibt, um ein gutes Leben zu haben. Gemeinsam erkunden wir, was die Jugendlichen mit den Ressourcen bewirken können, die ihnen bereits eigen sind. So können sie ihre Kraft für sich selbst nutzen und damit auch zugunsten ihres sozialen Umfelds.

Teil 5: Schritt für Schritt zu einer besseren Welt

Kommt Ihnen spontan eine Erfolgsgeschichte in den Sinn?

Abubakar Mutoka: Oh, ich habe so viele Beispiele! Lassen Sie mich eines meiner Lieblingsbeispiele teilen. Ich arbeitete noch in Kigoma in unserer Partnerorganisation Kividea. Wir hatten einen Workshop mit Jugendlichen zum Thema Lebenskompetenzen. Es ging um Durchsetzungsvermögen und Selbstvertrauen und, wie man dem Gruppendruck widersteht. Wir machten einen Workshop über sexuelle und reproduktive Gesundheit und Rechte, über Pubertät und den Menstruationszyklus.

Es waren Mädchen aus verschiedenen Dörfern dabei, viele hatten Schlimmes erlebt. Einige kamen mit ihren Babys, andere waren schwanger und wieder andere hatten eine Abtreibung hinter sich. Die meisten waren nicht mehr in der Schule, gingen keiner sinnvollen Arbeit nach oder lebten auf der Strasse.

Eines der Mädchen, das mit ihrem Baby gekommen war und der es nicht gut ging, erzählte uns ihre Geschichte. Sie hatte bei ihrer Mutter gelebt, die schon ziemlich alt war. Und weil ihre Mutter keine Möglichkeit hatte, den Lebensunterhalt der Familie zu bestreiten, benutzte sie ihre Tochter – ihr eigenes Mädchen – um um Sex mit fremden Männern gegen Geld zu haben.

Nach dem Life-Skills-Training sagte das Mädchen: «Wissen Sie was, Sie haben mir eine Menge beigebracht und ich möchte das mit Ihnen teilen, weil ich nach diesem Training eine Lösung für mich gefunden habe. Ich gehe jetzt nach Hause und werde nicht mehr mit fremden Männern schlafen.»

Und sie ging nach Hause und begann, im Dorf Gemüse zu verkaufen. Nach drei Monaten besuchten wir das Mädchen wieder im Dorf und sie sagte: «Ich habe jetzt Geld gespart. Ich bin von daheim ausgezogen und miete jetzt mein eigenes Zimmer, weil ich nicht mit dem Druck meiner Mutter leben wollte.» Wieder ein Jahr später hatte sie mit der Hühnerhaltung begonnen. Das war vor etwa fünf bis sechs Jahren. Heute gehört dieser jungen Frau eine kleine Schneiderei und sie stellt andere Mädchen ein, die in der derselben Situation sind, aus der sie selbst einmal kam.

Dies ist eine wunderbare Geschichte darüber, was lösungsorientiertes Lebenstraining, die richtigen Informationen und Bewusstseinsbildung bei einem jungen Menschen bewirken können, die keine Hoffnung mehr hatten und sozusagen Nobodys waren. Unsere Arbeit mit ihnen macht einen grossen Unterschied für sie und ihre Familien. Sie holt sie aus dem Kreislauf der Gewalt und Armut heraus, und es gibt für sie Hoffnung und einen neuen Anfang.

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