Während die Welt auf die «COP Amazoniens» blickt, bringt eine neue Studie ein oft übersehenes Ökosystem ins Rampenlicht: den Erhalt nachhaltiger Lebens- und Ernährungssysteme in semiariden Regionen wie der Caatinga im Nordosten Brasiliens durch Agroforstsysteme. Die Forschung zeigt die positive Wirkung von agrarökologischen Methoden auf das Klima – sie bremsen nicht nur Wüstenbildung, sondern binden auch enorme Mengen Kohlenstoff.
Die COP30 in Brasilien wird als «COP Amazoniens» wichtige Akzente in der Klimapolitik in Bezug auf den Erhalt der Regenwälder setzen. Doch nicht nur Regenwälder sind wichtig für unser Klima. Die semiaride Jugendplattform – unsere Partnerorganisation in Lateinamerika – bringt hier ein zentrales Thema an der Weltklimakonferenz ein, das eher im Schatten der Aufmerksamkeit liegt: den Erhalt und die Förderung von nachhaltigen Lebens- und Ernährungssystemen in Regionen, die von Trockenheit und Wüstenbildung betroffen sind.
Unterstützt wird dies durch die neue Studie «Carbon Dynamics Across Soil and Vegetation Land Mangement in the Caatinga Biome»*, die in Zusammenarbeit mit Professor Aldo Salles entstanden ist. Sie wurde in den brasilianischen Bundesstaaten Bahia und Paraíba durchgeführt, Gebiete, in denen unsere Partnerorganisationen tätig sind. Sie wurde am 17. November 2025 an der Weltklimakonferenz COP30 vorgestellt.
Bekämpfung der Wüstenbildung
Halbtrockene und trockene – oder semiaride – Gebiete werden oft nur über Wasserknappheit oder extreme Temperaturen definiert. Sie stehen im Schatten anderer Ökosysteme wie dem Amazonas, auch wenn sie voneinander abhängig sind. Doch auch sie sind ein lebendiges Territorium mit einer kulturellen Vielfalt, reicher Biodiversität und Menschen, die bereits heute innovative Lösungen zur Klimaanpassung entwickeln; von wassersparender Landwirtschaft bis zu dezentralen Energieprojekten. Ihre Ansätze können weltweit als Vorbild dienen. Ein solches Gebiet ist die in der Studie untersuchte Caatinga, eine semiaride Region im Nordosten Brasiliens mit einzigartiger tropischer Trockenwald- und Dornbuschvegetation, die sich über mehrere Bundesstaaten – unter anderem Bahia und Paraíba – erstreckt.
Die Wissenschaftler und Autoren der Studie Prof. Dr. Aldo Sales von der Universität Pernambuco und Prof. Dr. Deorgia de Souza von der Universität Bahia haben erforscht, wie viel Kohlenstoff in Böden und Vegetation der brasilianischen Trockenregion gespeichert wird. Sie untersuchten dabei verschiedene Nutzungsformen: traditionelle Landwirtschaft, Agroforstsysteme im ökologischen Wandel und die natürliche Vegetation der Caatinga. Im Fokus standen der Kohlenstoffgehalt, die Artenvielfalt und das lokale Mikroklima. Insgesamt wurden im Rahmen dieser Studie 28 Standorte in sieben Departementen in drei Bundesstaaten im Nordosten Brasiliens untersucht.
Einige wichtige Erkenntnisse der Studie
- Natürliche Caatinga-Flächen speichern fast dreimal so viel Kohlenstoff wie konventionelle Landwirtschaft. Das hilft dem Boden, fruchtbar und feucht zu bleiben und reduziert die Erderwärmung. Die traditionellen Caatinga-Gebiete speichern (mit knapp 65 Mg C/ha) fast dreimal so viel Kohlenstoff wie konventionelle landwirtschaftliche Flächen (26,4 Mg C/ha). Insgesamt sind es 65 Tonnen Kohlenstoff pro Hektar, die im Boden und in den Pflanzen gebunden bleiben, statt in die Atmosphäre zu gelangen und zur globalen Erwärmung beiträgt.
- Abholzung schadet Klima und Boden. Werden Bäume gefällt, geht ihre Schutzfunktion verloren. Die Abholzung der Caatinga setzt Kohlenstoff frei und verarmt den Boden, denn die Bäume und ihre Wurzeln fungieren als natürliche Speicher. Sie speichern fast 40 Prozent des gesamten Kohlenstoffs des Ökosystems. Bäume schützen zudem den Boden vor Sonne und starkem Regen. Der Verlust von Bäumen und Laub unterbricht den natürlichen Kreislauf organischer Stoffe, wodurch der Boden geschwächt und anfälliger für Erosion, Trockenheit und die daraus resultierende Wüstenbildung wird.
- Zu viel Vieh zerstört den Boden. Eine intensive Beweidung verdichtet den Boden und nimmt Leben. Sie reduziert den Kohlenstoffgehalt in den ersten fünf Zentimeter Tiefe, der fruchtbarsten Schicht. Diese Verdichtung durch das Vieh führt dazu, dass der Boden «von innen heraus stirbt» und Mikroorganismen sowie seine Regenerationsfähigkeit verliert. Die Fruchtbarkeit des Bodens nimmt ab.
- Nachhaltige Methoden wie Agroökologie bringen Leben zurück. Möchte man in degradierten semiariden Gebieten Landwirtschaft betreiben, dann sind agrarökologische Anbausysteme ein gangbarer Weg und nahe an den Vorteilen der ursprünglichen Caatinga. Gebiete im agrarökologischen Wandel speichern fast doppelt so viel Kohlenstoff (35,1 Mg C/ha) wie Gebiete mit konventioneller Landwirtschaft und erreichen 48 Prozent der Kohlenstoffspeicherung der gesamten erhaltenen Caatinga.
- Agroökologie bringt das Gleichgewicht zurück – ein guter Weg für klimafreundliche Landwirtschaft. Agrarökologische Anbausysteme, vor allem mit agroforstwirtschaftlichen Kulturen, ähneln der natürlichen Caatinga. Sie schützen den Boden, sichern organisches Material wie Laub als Streuschicht, fördern das Wachstum von Bäumen und verhindern Erosion und so den Verlust der Bodenfruchtbarkeit. So wird mehr Kohlenstoff gespeichert als in konventioneller Landwirtschaft.
Die Ergebnisse zeigen, dass Gebiete mit der natürlichen Caatinga-Vegetation und Agroforstsysteme deutlich mehr Kohlenstoff speichern als konventionelle Kulturen. Darüber hinaus weisen sie eine grössere Pflanzenvielfalt, eine bessere Bodenqualität und niedrigere Temperaturen auf. Das Agroforstsystem mit Futterpalmen in Paraíba beispielsweise wies im Vergleich zum traditionellen System einen Anstieg der Kohlenstoffvorräte um 145 Prozent und eine Senkung der Bodentemperatur um bis zu 10 Grad auf.
Einig sind sich die Verfasser*innen der Studie und die Partnerorganisationen von terre des hommes schweiz in Brasilien: Sich um den Erhalt der Caatinga kümmern, bedeutet, sich um das Klima und die Menschen zu kümmern. Die Erhaltung der ursprünglichen Caatinga und die Umwandlung degradierter Böden in biodiverse Agroforstsysteme durch agrarökologische Methoden sind zwei zentrale Wege zu einem nachhaltigen Leben in der semiariden Region. Sie bringen nicht nur mehr Klimagerechtigkeit, sondern bieten den Menschen eine Lebensgrundlage.
Links
Die Forschung und Studie wurde nebst den Universitäten Bahia und Pernambuco unter Beteiligung von ASPTA, Centro Sabiá und CEDASB – Partnerorganisationen von terre des hommes schweiz – durchgeführt und unterstreicht die Bedeutung der politischen Anerkennung der semiariden Gebiete als wichtige Lieferanten konkreter Lösungen angesichts der Klimakrise. Die Erkenntnisse darüber, was ein Ökosystem wie die Caatinga leistet, die durch gemeinschaftsbasierte agroökologische und sozioproduktive Praktiken erzeugt werden, zeigt die strategische Rolle dieser Gebiete für den Erhalt der biologischen Vielfalt, das Klimagleichgewicht und den Schutz der Wasserressourcen auf.


