Zukunft gestalten statt Probleme wälzen

Beratung einer jungen Frau in einem Gesundheitszentrum - terre des hommes schweiz

Ein ereignisreiches Jahr naht seinem Ende. In Zeiten von Krisen und Unsicherheit ist es leicht, den Mut zu verlieren. Doch wer den Blick auf das richtet, was funktioniert, entdeckt neue Kraftquellen. Wie lösungsorientiertes Denken Hoffnung schenkt – in Mosambik, Basel und überall – erzählt Catherine Brunold, Projekte Schweiz und Fachstelle Psychosoziale Unterstützung.

Catherine, wieso tut es gut, lösungsorientiert zu denken?

Weil wir uns auf das konzentrieren, was funktioniert und darauf aufbauen. Kleine Schritte können dabei wirkungsvoller sein als grosse Vorsätze und weit entfernte Ziele. Die kleinen Schritte sind oft realistischer und bringen echte Veränderung, die greifbar ist. Das wiederum wirkt dem Gefühl der Überforderung und Ohnmacht entgegen und stärkt das Vertrauen in die eigene Kraft. Dieser Fokus braucht etwas Übung, aber es lohnt sich!

Was bedeutet lösungsorientiertes Denken und Handeln?

Es ist eine Haltung: Jeder Mensch hat Stärken und Ressourcen, wir sind Expert*innen für unser eigenes Leben. Man begegnet sich mit Respekt und auf Augenhöhe – ob Jugendliche und Erwachsene oder Beratende und Klient*innen. Statt sich auf das Problem zu fokussieren, fragen wir: Was funktioniert bereits? Was kann ich tun? Wirksam ist auch, mehr von dem zu tun, was bereits funktioniert. So beeinflussen und gestalten wir unsere Zukunft.

Was braucht es dafür?

Eigentlich nur einen Perspektivwechsel. In unserer Welt wird oft das Negative betont. Statt ein Problem ausgiebig zu analysieren und uns dadurch lähmen zu lassen, geht es darum, aktiv zu werden. Ein konkreter nächster Schritt bringt uns weiter und gibt uns das Gefühl, dass wir handeln, etwas bewegen können. Das macht Mut und stärkt den Glauben in die eigenen Fähigkeiten und die der anderen.

Catherine Brunold ist bei terre des hommes schweiz verantwortlich für Projekte Schweiz und die Fachstelle Psychosoziale Unterstützung. Foto: Timo Orubolo

Wie hilft dieser Ansatz bei psychischer Belastung?

Wer traumatische Erfahrungen erlebt hat oder mit schwierigen Lebensumständen kämpft, braucht Stabilität, Hoffnung und konkrete Perspektiven. Der lösungsorientierte Blick als Teil der psychosozialen Unterstützung hilft, sich nicht über das Trauma, das Problem zu definieren, sondern über die eigenen Stärken, Beziehungen und Ziele. Das entlastet, gibt Halt und Hoffnung. Wir arbeiten seit vielen Jahren mit Jugendlichen weltweit – oft unter schwierigen Bedingungen. Der lösungsorientierte Ansatz ist dabei flexibel, praktisch, passt sich dem jeweiligen Kontext an und stärkt junge Menschen, ihre Zukunft zu gestalten.

Der Ansatz ist also universell.

Ob in Basel oder Maputo, die Grundhaltung bleibt gleich: respektvoll und ressourcenorientiert. Im Globalen Süden ist der Fokus auf Lösungen oft noch ungewohnter als hier. Wo Armut, Gewalt und stark patriarchal geprägte Strukturen vorherrschen, ist es umso wichtiger, Jugendlichen zu zeigen: Du hast Fähigkeiten. Du kannst etwas bewegen. Es gibt Perspektiven.

Ein Beispiel, das Mut macht?

In Mosambik arbeiten wir mit jungen Frauen, die sexuelle Gewalt erlebt haben. Sie werden ermutigt, ihre eigenen Stärken zu entdecken, sich gegenseitig zu unterstützen und gemeinsam Lösungen für ein möglichst selbstbestimmtes Leben zu entwickeln. Lösungsorientiertes Handeln kann die Vergangenheit nicht ändern – aber ermöglicht, die Zukunft aktiv zu gestalten. Eine junge Frau sagte: «Ich dachte wirklich, mein Leben sei vorbei. Und plötzlich sagte mir jemand, dass ich etwas kann und ich begann, daran zu glauben. Heute bin ich Schneiderin und bilde sogar andere junge Frauen aus.»

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