Genita Agaucheiro ist stolz: Seit unserer ersten Begegnung im Jahr 2024 hat sie Grosses erreicht. Aus einfachen Bambusstöcken entstand ihr erster Verkaufsstand und nun plant die 25-Jährige, mit dem Gewinn ihrer Verkäufe einen richtigen Laden zu eröffnen. Ihre Geschichte zeigt, dass Mut und Wissen Wege aus der Armut öffnen können
von Hafid Derbal, Programmkoordination Mosambik
Jedes Jahr, wenn ich als Programmkoordinator von Basel nach Mosambik reise, überlege ich mir, welche Jugendlichen ich aus dem Vorjahr wiedersehen möchte. Mich interessiert, wie sich ihre Situation in der Zwischenzeit entwickelt hat. Im Mai 2024 durfte ich Genita bei einem Training unserer Partnerorganisation NANA zum ersten Mal treffen. Damals erzählte sie mir, was das Training zum Aufbau von Mikrobetrieben für sie bedeutet und was sie sich davon erhofft.«Als Bäuerin weiss ich, wie man Gemüse anbaut. Was mir fehlt, ist das Wissen, wie ich es gut vermarkten kann. Ich hoffe, dass ich nach diesem Training meinen eigenen Laden führen kann», sagte sie damals. Diese Worte sind mir geblieben, wie auch ihre Motivation und Zuversicht.
Vom Verkaufsstand zum Laden
Bei meiner Ankunft stand sie stolz vor ihrem kleinen Laden an der Landstrasse N1, die Mocuba und Mugeba verbindet, zwei urbane Zentren in der Provinz Zambézia im Norden Mosambiks. Jeden Tag legt sie den rund halbstündigen Fussweg hierher zurück. Doch die Lage ist ideal. In ihrem Laden bietet sie Getränke, Snacks und selbstgemachte Küchlein an, also alles, was Reisende und Fernfahrer*innen schätzen. Dazu kommen Seifen, frisches Gemüse und getrockneter Fisch, die Genita aus Mocuba holt und mit einem kleinen Aufpreis an die lokale Bevölkerung verkauft. «So erspare ich ihnen den Weg in die Stadt und kann gleichzeitig mehr verkaufen. Dazu kommen meine eigenen Produkte wie Salat, Kohl, Mais und Tomaten. Angefangen habe ich mit sehr wenig, doch nach und nach konnte ich mein Angebot erweitern und mehr Gewinn erzielen. Für mich und meine zwei Töchter ist das ein Segen», sagt sie.
Junge Mutter in schwierigem Umfeld
Wie viele junge Frauen in Mosambik wurde auch Genita als Jugendliche Mutter. Ihre Töchter sind sieben Jahre und neun Monate alt. Mehr als die Hälfte der Mädchen im Land hat bis zum 18. Lebensjahr mindestens ein Kind geboren. Das ist die höchste Rate im südlichen Afrika und eine der höchsten weltweit. Armut und fehlende Aufklärung führen oft dazu, dass Familien ihre Töchter früh verheiraten. Für viele junge Mütter ist es danach fast unmöglich, der Armut zu entkommen.
Mosambik gehört zu den ärmsten Ländern der Welt. Fast zwei Drittel der Bevölkerung lebt von weniger als 2,50 US-Dollar pro Tag. Jugendliche und junge Erwachsene wie Genita bilden die grösste Bevölkerungsgruppe, doch die meisten haben keinen Zugang zu weiterführender oder technischer Bildung. Jedes Jahr drängen rund 500 000 junge Mosambikaner*innen auf den Arbeitsmarkt, meist ohne Ausbildung und ohne Perspektive. Besonders junge Frauen sind davon betroffen.
Schritt für Schritt aus der Armut
Für NANA, eine der sechs Partnerorganisationen von terre des hommes schweiz in Mosambik, geht es genau darum: Jugendliche, insbesondere junge Frauen wie Genita, zu unterstützen, die Armutsspirale zu durchbrechen. «Was jungen Menschen fehlt, ist eine solide Grundausbildung und etwas Startkapital», erklärt Jeremias Benjamim, Projektleiter bei NANA. Doch in einer ländlich geprägten Gegend wie der Region um Mocuba ist das leichter gesagt als getan. Ein Grossteil der Bevölkerung lebt von der Subsistenzlandwirtschaft und legt täglich weite Strecken zu den Feldern zurück. Erspartes gibt es kaum. Die meisten leben von Tag zu Tag. Besonders verletzlich in diesem Kontext sind Kinder und Jugendliche. Mehr als die Hälfte der jungen Menschen in Mocuba ist arbeitslos.
Vermittlung wichtiger Kompetenzen
Deshalb ist es wichtig, Einkommensmöglichkeiten rund um die Landwirtschaft zu schaffen. Die Grundausbildung für junge Bäuer*innen bei NANA umfasst nicht nur die verbesserte Produktion, Konservierung und Lagerung, sondern auch elementare Kenntnisse über die Vermarktung ihrer Produkte. Wie entscheidend das ist, bestätigt auch Genita: «Was ich konnte, war das Anbauen. Aber wie man verkauft und das Geld gut nutzt, das habe ich erst bei NANA gelernt. Es ist wichtig zu wissen, wie viel man für den Haushalt ausgeben darf, wie viel man in den Stand investieren muss und wie viel man sparen soll.»

Sie zeigt auf einen kleinen Zementbau und lächelt. Das wird ihr neuer Laden. Bald steht die Eröffnung bevor. Der Laden wird ihr nicht nur den täglichen Transport der Ware zum Verkaufsstand ersparen, sondern auch eine sichere Lagerung und den Verkauf bei jeder Witterung ermöglichen. In einer Region, die besonders stark von den Folgen des Klimawandels betroffen ist, ist das von grosser Bedeutung, weiss auch Jorge Cardoso, Direktor von NANA. «Wir motivieren junge Bäuer*innen in Zeiten der Klimakrise, nicht nur agrarökologisch und klimaresistent anzubauen. Wichtig ist auch, dass sie beim Bau kleiner Strukturen wie Läden oder Lager möglichst auf widerstandsfähige und nachhaltige Materialien setzen, um besser vor Zyklonen und Stürmen geschützt zu sein», sagt er.
Weitergeben, was man gelernt hat
Auf die Frage, was sie sich für die Zukunft wünscht, erzählt Genita, dass sie gemeinsam mit jungen Frauen aus ihrem Dorf eine Spargruppe gegründet hat. Damit wollen sie mehr Frauen den Zugang zu Startkapital ermöglichen. «Ich möchte ihnen zeigen, dass es geht. Ich weiss genau, wie es sich anfühlt, zu glauben, man habe keine Chance, seine Situation zu ändern. Es braucht jemanden, der einem die Hand reicht. Ich möchte das zurückgeben, was ich bekommen habe», sagt sie.
Genita plant darüber hinaus, ihr Wissen an andere weiterzugeben und junge Frauen in ihrer Umgebung zu motivieren, selbst aktiv zu werden. Durch die Kombination von landwirtschaftlichem Know-how, betriebswirtschaftlichen Kenntnissen und Gemeinschaft möchte sie langfristig ein Netzwerk aus selbstständigen Frauen aufbauen. So wird ihre Arbeit nicht nur zu einem persönlichen Erfolg, sondern zu einem Modell für die ganze Region.
Ihre Patenschaft macht den Unterschied
Mit einer Patenschaft stärken Sie junge Menschen und schaffen neue Perspektiven. Unterstützen Sie ein Thema, das Ihnen am Herzen liegt – beispielsweise Mädchen und Frauen. Mit dieser Patenschaft stärken Sie Mädchen und junge Frauen wie Genita und ermöglichen ihnen den Zugang zu rechtlicher, psychologischer und finanzieller Unterstützung.


