Nolans «Odyssee» und die Odyssee der Sahrauis

Die Odyssee der Sahrauis, Flüchtlingslager im Hintergrund

Während Christopher Nolans Film «Die Odyssee» weltweit in den Kinos läuft, bleibt ein umstrittener Aspekt der Produktion weitgehend unbeachtet: Teile des Films entstanden in der besetzten Westsahara, ohne Zustimmung des sahrauischen Volkes. terre des hommes schweiz teilt die Kritik, dass solche Dreharbeiten zur Normalisierung einer seit Jahrzehnten andauernden Besetzung beitragen.

Als im Sommer 2025 bekannt wurde, dass Regisseur Christopher Nolan in der Nähe der Stadt Dakhla in der Westsahara seinen neuen Film dreht, unterzeichneten zahlreiche internationale Künstler*innen, Journalist*innen und Menschenrechtsverteidiger*innen einen Protestbrief. Darunter auch weltberühmte Stars wie die Spanier Javier und Carlos Bardem oder Pedro Almodóvar. Im Brief heisst es: «Nolan hat dort ohne die Zustimmung des sahrauischen Volkes gedreht. Die einzige Zustimmung, die er erhielt, stammt von der Besatzungsmacht Marokko. Dakhla und die Westsahara sind nicht der Traumdrehort, als den Nolan sie in seinem Film erscheinen lässt.» Der Blockbuster «Die Odyssee» ist nun weltweit in den Kinos angelaufen.

Filmdreh im besetzten Gebiet

Wer über den Film «Die Odyssee» spricht, sollte nicht vergessen, dass trotz internationaler Proteste, Szenen in einem besetzen Gebiet entstanden sind – ohne die Einwilligung des sahrauischen Volkes.

Mohamed Sleiman Labat, terre des hommes schweiz

«Die Ironie wäre komisch, wäre sie nicht so tragisch: Wir Sahrauis, deren Land als Kulisse für Teile der ‹Odyssee› diente, durchleben seit mehr als 50 Jahren unsere eigene brutale Odyssee.»

Mohamed Sleiman Labat, 
sahrauischer Künstler und Filmemacher, im Guardian

Marokko versucht, die Besetzung der Westsahara zu normalisieren: durch Infrastrukturprojekte, an denen auch ausländische Firmen beteiligt sind, durch Tourismus und zunehmend auch durch gute Konditionen für internationale Filmdrehs. So werden diese Orte als marokkanisch wahrgenommen, obwohl sie zur Westsahara gehören. Nolans Dreharbeiten tragen zur Weisswaschung der Besetzung bei. 

Darum geht es im Westsahara-Konflikt

Die ehemalige spanische Kolonie Westsahara wird seit 1975 zu zwei Dritteln von Marokko besetzt. Seit damals leben rund 174 000 Sahrauis in Flüchtlingslagern im Südwesten Algeriens, während die in ihrer Heimat gebliebenen Sahrauis unter massiven Repressionen im besetzten Gebiet leben. Die Westsahara hat den UN-Status eines nicht selbstregierten Gebietes. Seit 1991 warten die Menschen auf die Durchführung eines Referendums, in dem sie selbst über ihre Zukunft bestimmen dürfen. Mehr dazu.

In der Nähe der Stadt Dakhla, die als Kitesurf-Mekka propagiert wird, befindet sich die Weisse Düne – jene Düne, bei der Nolan vier Tage lang Szenen stellvertretend für Ogygia drehte. Ogyia ist in Homers Erzählung die Insel, auf der die Nymphe Kalypso Odysseus sieben Jahre lang festhielt. Für Odysseus endet die Heimreise nach zehn Jahren – für viele Sahrauis dauert die Odyssee der Vertreibung und Heimatlosigkeit seit einem halben Jahrhundert an.

Repression gegen lokale Filmschaffende

Während ausländische Filmschaffende in ihren Projekten unterstützt werden, erfahren sahrauische Medien- und Filmschaffende Repressionen. Sie können ihre eigene Geschichte nicht oder nur unter grossen Risiken erzählen. Die besetzte Westsahara wird von Organisationen wie Human Rights Watch und Reporter ohne Grenzen seit Jahren als einer der gefährlichsten Orte für Medienschaffende bezeichnet. 

Sylvia Valentin, terre des hommes schweiz

«Mit Die Odyssee lädt Nolan das Publikum dazu ein, für ein paar Stunden der Realität zu entfliehen. Doch für die Sahrauis unter der Besatzung oder in den Flüchtlingslagern gibt es kein Entfliehen aus ihrer Realität.»

Sylvia Valentin, Entwicklungspolitische Kampagnen, terre des hommes schweiz

Während marokkanische Sicherheitskräfte reibungslose Drehbedingungen für ausländische Filmcrews garantieren, sind dieselben Sicherheitskräfte regelmässig an Übergriffen auf sahrauische Menschenrechtsverteidiger*innen in der Westsahara beteiligt. Während sich internationale Crews frei bewegen können, leben Sahrauis in ihrer Heimat mit eingeschränkter Bewegungsfreiheit oder gar unter Hausarrest.

Hungerstreik als Scheinwerferlicht

Dramatisch ist aktuell die Situation von Naama Asfari. Er befindet sich seit dem 8. Juni 2026 im Hungerstreik als Protest gegen seine unmenschlichen Haftbedingungen in einem marokkanischen Gefängnis. Naama Asfari ist einer der Inhaftierten von Gdeim Izik, einem friedlichen Protestcamp der Sahrauis, das 2010 von marokkanischen Sicherheitskräften unter massivem Gewalteinsatz aufgelöst wurde. Die Räumung des Camps wurde zum Anlass genommen, bekannte sahrauische Aktivist*innen zu verhaften und zu langen Gefängnisstrafen zu verurteilen.

Dass Naama Asfari unrechtmässig im Gefängnis ist und seine vermeintlichen Geständnisse unter Folter zustande kamen, wurde von der UNO mehrfach festgehalten (2016 vom UN-Komitee gegen Folter, 2023 von der UN-Arbeitsgruppe über willkürliche Inhaftierungen) – ohne Wirkung. Mit dem Hungerstreik will Asfari auf seine Lage und auf die vieler anderer seiner Weggefährt*innen aufmerksam machen.

Unterstützen Sie hier die internationale Petition zur sofortigen Freilassung von Naama Asfari:

Artikel teilen:

Weitere Artikel

El Salvador

Wenn Beton grünt und nährt

Mitten im Betondschungel von San Salvador lassen junge Menschen Gemüse wachsen. Ihre Gemeinschaftsgärten liefern nicht nur Nahrung, sondern schaffen Begegnungsorte

Mehr Lesen