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27. Mai 2015

Sprachlosigkeit überwinden, Generationen einen

Gruppenbild mit 18 Jugendlichen in roten T-shirts.
Gruppenbild mit 18 Jugendlichen in roten T-shirts.

Was tun, wenn die Kluft und die Konflikte zwischen der jungen und älteren Generation unüberwindbar scheinen? Was wenn die Jugendlichen wegen Armut, Arbeitslosigkeit und Gewalt für sich keine Zukunft sehen? Die südafrikanische Organisation Justice and Women (JAW) ist täglich mit diesen Fragen konfrontiert. Sie haben mit Jugendlichen ein Pilotprojekt gestartet, das diesen eine Grundausbildung in Tanz, Gesang und Schauspiel bietet – und den Dialog zwischen den Generationen fördert.
Gabriela Wichser, Programmkoordinatorin Südafrika

Die Kleinstadt Melmoth liegt in einer abgelegenen ländlichen Region KwaZulu-Natals (Südafrika), wo das Leben der Menschen von grosser Armut und Gewalt geprägt ist. Das wenige fruchtbare, ebene und gut zugängliche Land ist auch über zwanzig Jahre nach dem Ende der Apartheit noch im Besitz von einigen wenigen Zuckerrohr- und Holzproduzentenfamilien. Die Mehrheit der Bevölkerung lebt an den steilen und wenig fruchtbaren Hängen der zerklüfteten Täler. Wirtschaftliche Möglichkeiten sind hier rar, über ein Drittel der Anwohner ist arbeitslos. Jugendliche haben hier generell einen sehr schlechten Ruf. Sie gelten alle als Kleinkriminelle.

Professioneller Unterricht
In diesem schwierigen Umfeld engagiert sich die neue Partnerorganisation Justice and Women (JAW). Mit Unterstützung von terre des hommesschweiz führt sie seit diesem Frühling in den Gemeinden Yanguye und Mjomelwane ein Pilotprojekt durch, das Jugendlichen im Alter von 12 bis 20 Jahren eine Grundausbildung in Tanz, Theater oder Gesang ermöglicht. Professionelle Tanzlehrerinnen, Theaterpädagogen und Gesangslehrer aus den Grossstädten Durban und Pietermaritzburg unterrichten an zwei Samstagen im Monat 75 Schülerinnen und Schüler aus den Highschools dieser Gemeinden. Die Jugendlichen werden dabei aktiv mit Projektplanung und -umsetzung vertraut gemacht. Zudem werden sie dieses Jahr selber zwei öffentliche Anlässe an ihren Schulen organisieren sowie eigene kleine Projekte umsetzen.

Einsatz, Disziplin und Durchhaltewillen
Was wie eine lockere Freizeitgestaltung für Heranwachsende klingt hat es in sich: Die Jugendlichen sollen bei Tanz, Gesang und Schauspiel Lebensfreude erleben. Die Lehrpersonen fordern von den Jugendlichen aber auch Einsatz, Disziplin und Durchhaltewillen. Sie sollen bereits in einem Jahr an Wettbewerben in Pietermaritzburg teilnehmen. Grund dafür ist nicht blosser Ehrgeiz: Mit der Wettbewerbsteilnahme erhalten sie die Chance, sich mit Jugendlichen aus anderen Teilen Südafrikas mit anderem kulturellem Hintergrund auszutauschen. Indem sie sich mit privilegierten Jugendlichen aus Eliteschulen messen und mithalten können, wird ihr Selbstvertrauen gestärkt.

Fragen gelten als respektlos
JAW leistet mit diesem Projekt ausserdem einen wichtigen Beitrag zur Verbesserung des Verhältnisses zwischen den Generationen, das sehr konfliktbeladen ist. Fast die Hälfte der Kinder und Jugendlichen wächst hier ohne Vater oder Mutter auf. Die Generation der Grossmütter, die sich ihrer annimmt, ist mit der Erziehung jedoch oft überfordert. Die Grossmütter sind von einem traditionellen Wertesystem geprägt, in dem beispielsweise nicht über den Tod gesprochen wird. Fragen zu stellen gilt als respektlos. Die Jugendlichen, die so nicht in angemessener Weise um ihre Eltern trauern können, fühlen sie unverstanden und reagieren oft rebellisch. In der Pubertät verstärken sich die Spannungen dann zusätzlich.

Konfliktgeladene Beziehungen
In Südafrika ist es der älteren Generation aus kulturellen Gründen nicht möglich, über körperliche Veränderungen und Sexualität zu sprechen. So greifen Grossmütter zu – im europäischen Verständnis – krassen Mitteln, um ihre Enkelinnen zu überwachen: Sie unterziehen sie Jungfräulichkeitstests und kontrollieren ständig ihren Kontakt mit der Aussenwelt. Diese Massnahmen haben zwar nur eine minimale Wirkung, um Teenageschwangerschaften vorzubeugen, wie deren hohen Zahlen belegen. Sie vergrössern hingegen die Spannungen, die zu Konflikten zwischen den Generationen führt.

Dialog fördert Verständnis
JAW fördert mit dem Tanz-, Theater- und Gesangsprojekt den Dialog zwischen den Generationen, indem sie die Erziehungsberechtigten ganz gezielt miteinbezieht. Grossmütter und Eltern treffen sich regelmässig als Gruppe mit einer Projektmitarbeiterin von JAW. Zusammen besprechen sie Strategien, um erfolgreicher mit ihren Kindern, Enkelinnen und Enkeln zu kommunizieren. So unterstützt JAW den Wertewandel, stärkt das Verständnis zwischen den Generationen und eröffnet Jugendlichen neue Perspektiven – was langfristig die Basis für ein friedliches und konstruktives Zusammenleben aller in der Region Melmoth bildet.

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