Welche Zukunft für Kolumbien?

Foto zVg Jair Coll, Kolumbien, terre des hommes schweiz

In Kolumbien beginnt eine neue politische Phase: Mit einem Präsidenten, der unter anderem den Friedensprozess schwächen will. Umso wichtiger ist eine starke Zivilgesellschaft, die sich für Menschenrechte, Frieden und Demokratie einsetzt, sagt Carolina Castillo, Nationale Koordinatorin Kolumbien von terre des hommes schweiz.

Die Präsidentschaftswahlen im Sommer 2026 markieren für Kolumbien einen politischen Wendepunkt. Der Wahlkampf war polarisiert, die Wahlbeteiligung hoch und der Wahlausgang knapp. Schliesslich stand fest: Der designierte Präsident heisst Abelardo de la Espriella. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger setzt er auf Sicherheit und Wirtschaftswachstum, weniger auf soziale Gerechtigkeit und Menschenrechte. «Der äusserst knappe Wahlausgang zeigt, wie unterschiedlich die Vorstellungen über die Zukunft Kolumbiens im Land sind», sagt Carolina Castillo, die bei terre des hommes schweiz als nationale Koordinatorin für Kolumbien zuständig ist.

Das Land kämpft weiterhin mit den Folgen des jahrzehntelangen bewaffneten Konfliktes und tiefgreifenden territorialen Ungleichheiten. Auch zehn Jahre nach der Unterzeichnung des Friedensabkommens zwischen der kolumbianischen Regierung und den Guerillagruppen FARC-EP flammt immer wieder Gewalt auf. Trotzdem will de la Espirella die Friedensprogramme abschaffen. Die Programme unterstützen beispielsweise ehemalige Kämpfer*innen bei der Wiedereingliederung, stärken ländliche Gemeinden und fördern lokale Konfliktlösung. Welche Folgen hätte das für den Friedensprozess?

Fragiler Kontext, starke Zivilgesellschaft

Viele Akteur*innen der Zivilgesellschaft blicken mit Sorge in die Zukunft, beschreibt Carolina Castillo die Unsicherheit vor Ort. In vielen Regionen könnten bewaffnete Gruppen wieder an Einfluss gewinnen. Zieht sich die Regierung zurück, ist die Zivilgesellschaft umso stärker gefordert: «Um die Menschenrechte zu schützen, die Bürgerbeteiligung zu fördern, die Territorien zu verteidigen und Fortschritte auf dem Weg zu einem nachhaltigen Frieden zu erzielen, ist es entscheidend, die Zivilgesellschaft zu stärken.» In diesem fragilen Kontext wird auch die Arbeit von terre des hommes schweiz und ihren Partnerorganisationen noch wichtiger.

Carolina Castillo, Nationale Koordination Kolumbien, terre des hommes schweiz

«Eine starke Zivilgesellschaft ist jetzt entscheidend: um die Menschenrechte zu schützen, die Bürgerbeteiligung zu fördern, die Territorien zu verteidigen und Fortschritte auf dem Weg zu einem nachhaltigen Frieden zu erzielen.»

Carolina Castillo, 
Nationale Koordination Kolumbien, terre des hommes schweiz

Ein Fokus der Projektarbeit vor Ort liegt auf der Zusammenarbeit mit zivilgesellschaftlichen Organisationen, Gemeinschaften und Jugendkollektiven. Sie lernen, sich an politischen Prozessen zu beteiligen, ihre Rechte und Territorien zu verteidigen und gesellschaftliche Veränderungen voranzutreiben. «Es geht uns darum, junge Führungspersönlichkeiten zu stärken und über Jahre aufgebaute gemeinschaftliche Prozesse zu sichern, die politische Zyklen überdauern», erklärt Castillo. Gleichzeitig begleitet terre des hommes schweiz erfahrene lokale Organisationen dabei, die Rekrutierung von Kindern und Jugendlichen durch bewaffnete Gruppen zu verhindern.

Die historische Rolle der Schweiz

Sowohl terre des hommes schweiz als auch die offizielle Schweiz engagieren sich seit Jahrzehnten in Kolumbien. Als Vermittlerin und Garantin setzt sich diese seit 2001 für den kolumbianischen Friedensprozess ein – es ist das grösste Friedensengagement der Schweiz in Lateinamerika. Nun hat der Bundesrat weitere Kürzungen bzw. Verschiebungen in der internationalen Zusammenarbeit zur Humanitären Hilfe angekündigt, unter anderem den Ausstieg aus Kolumbien. Dies widerspricht einerseits der eigenen Botschaft von 2025, in der die Schweiz Frieden, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit weltweit fördern will. Andererseits kommt der mögliche Ausstieg zu einem Zeitpunkt, zu dem der Friedensprozess in Kolumbien alles andere als gesichert ist.

Für terre des hommes schweiz ist klar: Es bleibt entscheidend, weiterhin eine Friedenskultur zu fördern, den sozialen Zusammenhalt zu stärken und Chancen zu schaffen, damit die jüngeren Generationen in Kolumbien eigene Lebensperspektiven entwickeln und ihre Zukunft selbst gestalten können.

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