14. Mai 2020

Flucht in die Vergangenheit

Blick vom Hügel ins Tal
Blick vom Hügel ins Tal

In den Grossstädten Perus verlieren mit jedem Lockdown-Tag mehr Menschen ihre Arbeit. Die meisten von ihnen fallen durch die Maschen, denn sie arbeiten in der Schattenwirtschaft ohne Sozialversicherung. Aus Angst vor der Verelendung treten viele der Arbeitslosen nun den Heimweg in die Provinz an, um sich als Selbstversorger durchzubringen.

Vom Lockdown und der Ausgangssperre ist in den Armenvierteln Limas nicht viel zu spüren, berichtet Jannet Villanueva unsere Landeskoordinatorin in Peru. Als wäre nichts, gehen die Menschen dort auf den Markt, die Mindestabstände kann kaum jemand einhalten. «Kürzlich hat eine Behörde Stichproben auf einem grossen Markt am Stadtrand genommen und in kurzer Zeit 170 Positive gefunden», sagt Jannet.

Auf der Strasse herrscht grösste Ansteckungsgefahr. Dort sammeln sich nun immer mehr Menschen, die in der Krise Arbeit und Wohnung verloren haben. Für Obdachlose ist Abstand halten und sich regelmässig die Hände waschen kaum möglich. Ein Nährboden für das Coronavirus, mit dem allein in Lima nun über 49’000 und in ganz Peru 76’000 Menschen angesteckt sind. Ob die verhältnismässig geringe Zahl der registrierten Toten von rund 2170 Menschen stimmt, ist zu bezweifeln.

Die peruanische Hauptstadt wächst seit den 60er Jahren mit rasantem Tempo an. Jährlich kommen Zehntausende Menschen in die Metropole. In den letzten zehn Jahren wuchs die Stadt um rund 1.7 Millionen Menschen auf 10.7 Millionen Einwohnern an. Die anderen Städte werden ebenso schnell grösser, allerdings hat die zweitgrösste Stadt Arequipa nur rund eine Million Einwohner.

Gudelias Geschichte

Viele junge Menschen kommen vom Land, aus den Anden und dem Amazonas-Tiefland. Sie suchen in den Metropolen ihr Glück. Darunter auch viele junge Mädchen, die sich als Hausmädchen engagieren lassen und oft dem Missbrauch ihrer Arbeitgeber und Arbeitgeberinnen ausgesetzt sind. terre des hommes schweiz unterstützt ein Projekt, um die Lebensbedingungen der Hausmädchen zu verbessern.

Ein ehemaliges Hausmädchen aus diesem Projekt ist die 29-jährige Gudelia. Ihre Eltern waren Kleinbauern, die mit nur wenig Land und Vieh ihre 10 Kinder ernähren mussten. Mit 19 zog Gudelia nach Lima, ihre 9 Brüder waren damals schon in der Grossstadt. Hier konnte Gudelia neben der Arbeit als Hausmädchen und einem zweiten Kind, ihre Ausbildung abschliessen.

Im Projekt für Hausmädchen von terre des hommes schweiz lernte sie den Wert von Sozialversicherungen und ihre Rechte kennen. «Darum hat sie auf eine formelle Arbeitsstelle hingearbeitet, um ihre Existenz und die ihrer beiden Kinder zu sichern», sagt Jannet. Die Arbeit von terre des hommes schweiz zeigt Früchte.

Gudelia ist entschlossen und hat das Glück der Tüchtigen: Sie kann sich über eine Anstellung als Putzhilfe in einer Bäckerei zur Kuchenbäckerin hocharbeiten – mit offiziellem Vertrag und Sozialversicherungen.

Im Mittelstand ist sie deswegen noch lange nicht angekommen. Sie verdient 430 Euro im Monat. «Das reicht nur knapp für die wichtigsten Ausgaben: Schulgebühren, Nahrungsmittel, Kleider, Gesundheitsversorgung und die Transportkosten», so Jannet. «Eine informelle Arbeit ohne Vertrag bringt oft etwas mehr ein. Dafür gibt es keine Sicherheiten.»

Schutzlos in der Krise

Gudelia gehört damit zur Minderheit in Peru, denn nur rund 30 Prozent haben eine vertraglich geregelte Stelle. Mehr als zwei Drittel der Menschen arbeiten in der Schattenwirtschaft, im informellen Sektor, zum Beispiel als fliegende Händler, Putzhilfen oder Fabrikarbeiter. Für diese Arbeiterinnen und Arbeiter ist der Lockdown existenzgefährdend. In jedem Moment könnten sie ihr gesamtes Einkommen verlieren, mit dem sie die Miete, das Essen und das Schulgeld der Kinder bezahlen.

So erging es allen neun Brüdern von Gudelia. Einer von ihnen klagt bei Gudelia verzweifelt: «Wir haben kein Geld um unser Zimmer zu bezahlen. Meine Partnerin und ich haben den Job verloren und können uns keine Arbeit suchen. Nicht einmal etwas kleines wie Autowaschen oder Strassenverkäufer.» Das war am 10. April, als der Lockdown schon über einen Monat andauerte und von einem Ende keine Rede war.

Gudelias Brüder haben wie viele im informellen Sektor beschäftigten nur eine kleine Wohnung, ohne Wasser und nur selten Strom. Dort leben die Familien jetzt auf engstem Raum. Der Schulunterricht geht online weiter. «Wir haben aber keinen Computer und kein Handy. Unsere Kinder können beim Unterricht nicht mitmachen», schreibt einer von Gudelias Brüder. Jeder angebrochene Monat bringt eine neue Mietrechnung.

Am 15. April ist klar, die Ausgangssperre bleibt bestehen. Sie wird rigoros und mit Haftstrafen durchgesetzt. «Das Problem ist nicht die Polizei, sondern das Militär», sagt Jannet. «Sie sind sich den Umgang mit der Zivilbevölkerung nicht gewohnt und reagieren immer wieder unverhältnismässig.»

Manche von Gudelias Brüder denken über eine Heimkehr nach. Ohne Arbeit, Nahrungsmittel, Schule und Aussicht auf ein Ende der Krise, bleibt ihnen nicht viel in Lima. Es ist eine Flucht – eine Flucht in die Vergangenheit. «Auf dem Bauernhof hat man immer etwas zu essen wie Kartoffeln und Weizen, die Leute sind freundlich und man hilft sich gegenseitig. Und die Kinder haben Platz zum Spielen. Wir gehen!», schreibt einer von Gudelias Brüder. Zu Fuss zieht die Familie los, denn es gibt keine öffentlichen Verkehrsmittel mehr. 500 Kilometer durch das Vorgebirge: die Verzweiflung ist riesig. Tausende treten die gleiche Reise an.

Dörfer verbarrikadieren sich

Kurz nachdem der Pilgerzug losmarschiert ist, hat die Regierung ein Einsehen. Busse sollen die Familien in die Provinzzentren bringen. «Wir warten nun schon 5 Tage», schreiben die vier Brüder, die losgezogen sind, am 20. April, «Wir und die etwa 1500 anderen Menschen mussten am Strassenrand schlafen. Alle: Alte, Jugendliche, Kinder. Alle sind verzweifelt.» Nach dieser Nachricht dauert es noch zwei weitere Tage, bis die Busse dort ankommen.

Ausreisser sind nicht willkommen. Die Dörfer verbarrikadieren sich aus Angst vor dem Coronavirus.

«Vor der Abfahrt haben sie getestet. Vier waren infiziert und durften nicht mit. Als wir ankamen, gab es nochmals Tests. Jetzt sind es 50 Infizierte. Wir sind im Stadion in Quarantänezelten und müssen 15 Tage hierbleiben, bevor wir weiterdürfen. Alle sind besorgt, denn einige sind auf dem Weg geflohen, sie könnten das Virus in die Gemeinden bringen. Das Virus hat mich aus Lima fliehen lassen und meine Kinder verarmen lassen. Wenn es nun vor mir in meiner Heimat ankommt, wohin soll ich dann noch fliehen?» So schreibt einer ihrer Brüder aus Huancavelica.

In den Dörfern ist die Nachricht der Entflohenen bereits angekommen. Die Angst vor dem Virus ist gross. Darum riegeln sich die Gemeinden ab, um die Ausreisser anzuhalten. Die Quarantäne ist die einzige Sicherheit, dass sich das Virus auf dem Land nicht weiter ausbreitet. Medizinische Tests gibt es hier nicht.

Schnelle Hilfe für Peru

Viele Menschen haben ihre Existenzgrundlage verloren und das Land braucht darum schnelle internationale Hilfe. Aber auch die Langzeitfolgen könnten die Fortschritte im Kampf gegen die Armut, für den Schutz von Minderheiten und die Gleichberechtigung zunichtemachen.

Wie viele Menschen die Rückkehr von der Stadt in ihre Herkunftsregionen in der Corona-Krise antreten, wird sich noch weisen. Wenn sich die Landflucht damit langfristig ausbremsen oder gar zu einem kleinen Teil rückgängig machen liesse, würden die Menschen in Peru davon profitieren.

Zu lange hinkte der Ausbau der Infrastrukturen dem anhaltenden und rasanten Wachstum hinterher. Zugezogene Jugendliche vom Land fanden in den Grossstädten darum selten gute Verhältnisse vor. Sie landeten in Armut, waren Missbrauch aller Art ausgesetzt und nur wenige schafften den Sprung in eine gesicherte Existenz, so wie Gudelia.

Peru hat grössere Chancen, wenn sich die Jugendlichen auf dem Land engagieren, dort innovativ werden und intelligente Geschäfte mit ökologischem Anbau betreiben. Dafür setzt sich terre des hommes schweiz mit seinen Projekten in Peru ein. Zum Beispiel helfen wir Kaffeebauern, ihre Qualität zu steigern, um so mehr Gewinne zu erzielen. Bei solchen Projekten brauchen die Jugendlichen unbedingt Unterstützung von aussen. Zunächst steht aber die schnelle Hilfe im Vordergrund.

Helfen Sie terre des hommes schweiz jetzt lebenswichtige Informationen zu verbreiten und Hygienemassnahmen umzusetzen.

Andere Beiträge zum Thema