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8. September 2021

«Mein schwarzer Körper eine Zielscheibe»

Gezeichneter Jugendlicher mit Palmenfrisur vor gelbem Hintergrund
Gezeichneter Jugendlicher mit Palmenfrisur vor gelbem Hintergrund

Lucas Leão ist Dichter und Menschenrechtsaktivist. Seine Kollegin Cassiane Paixão arbeitet als politische Beraterin und engagiert sich in sozialen Bewegungen. Beide sind jung, afrobrasilianischer Herkunft und machen mit bei CIPÓ. Diese Partnerorganisation von terre des hommes schweiz arbeitet mit benachteiligten schwarzen Jugendlichen in Salvador zum Thema Gewaltprävention. Die Grossstadt Salvador liegt im Bundesstaat Bahia im Nordosten von Brasilien. Lucas und Cassiane erzählen im Interview, wie sie als Schwarze in ständiger Angst vor Gewalt leben. Bei CIPÓ lernen junge Afrobrasilianer*innen wie Lucas und Cassiane ihre menschlichen Grundrechte kennen sowie die Mechanismen von Politik und Justiz in Brasilien. Das stärkt sie als Akteur*innen für eine gerechtere Gesellschaft.

Lucas Leão, Cassiane Paixão ‒ danke für eure Offenheit und, dass ihr euch Zeit nehmt für dieses Gespräch. Bitte stellt euch kurz vor.

Lucas: Ich heisse Lucas Leão, bekannt als Urubu do Quilombo*. Ich bin Dichter und Aktivist und mache mit im CIPÓ-Kurs 2021 zum Thema «Schwarze Jugend und politische Partizipation».

Cassiane: Mein Name ist Cassiane Paixão. Ich habe vor drei Jahren erstmals an einer CIPÓ-Schulung in Salvador teilgenommen. So lernte ich die sozialen Bewegungen für ein friedliches Zusammenleben in unserer Gesellschaft kennen. Heute bin ich Teil des Coletivo Incomode (Jugendorganisation gegen Gewalt an Jugendlichen, Anm. d. Red.) und der Obdachlosenbewegung in Bahia. Über mein Engagement bei CIPÓ habe ich ein politisches Mandat als parlamentarische Beraterin in meinem Distrikt bekommen. Hier arbeite ich in der Abteilung für die Verteidigung der Rechte von schwarzen Jugendlichen.

Welche Bedeutung hat CIPÓ, brasilianische Partnerorganisation von terre des hommes schweiz im Bereich Gewaltprävention, für euch?

Cassiane: CIPÓ ist wichtig für mein persönliches und berufliches Leben. Hier habe ich die Mechanismen von Politik und Rassismus kennengelernt. In Video-Workshops befassten wir uns mit den tieferen Ursachen von staatlicher Gewalt in den Favelas (Armenvierteln, Anm. d. Red.). Wir untersuchten, woran man strukturelle Gewalt erkennt. Dazu interviewten wir die Eltern von schwarzen Jugendlichen, deren Kinder von der Polizei getötet wurden ‒ die Fälle sind nie untersucht worden! Diese Arbeit war extrem lehrreich und auch aufwühlend. Also beschloss ich, dem «Problem der schwarzen Jugend» bei uns auf den Grund zu gehen.

Lucas: CIPÓ stiftet Gemeinschaft und regt zum Nachdenken über unsere Gesellschaft an. Die jungen Menschen, die bei CIPÓ mitmachen, werden zu sozialen und politischen Akteurinnen und Akteuren für eine gerechtere Gesellschaft.

Wie seid ihr auf die Arbeit von CIPÓ aufmerksam geworden?

Cassiane: Das war 2015, als meine Schwester an einem Kurs mit CIPÓ zum Thema politische Mitwirkung teilnahm. Ich half dann als Freiwillige mit und leitete zum Beispiel ein Gespräch zum Thema Friedenskultur an Schulen. 2017 riefen wir das Coletivo Incomode ins Leben. Wir wollen Fälle von Polizeimissbrauch in Salvador ans Licht bringen, sodass die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden.

Lucas: Als ich ein Kind war, lebte ich mit meiner Mutter und Grossmutter in Quilombo do Paraiso (Vorstadtgemeinde von Salvador, Anm. d. Red.). Wir waren das Ziel von grosser Gewalt und Repressionen durch die Polizei. Ich erinnere mich, dass ich zur Schule ging und als ich zurückkam, hatte die Polizei unsere Hütten abgerissen. Ich muss ungefähr acht Jahre alt gewesen sein und dachte: Ich muss etwas gegen diese Gewalt tun! Später kam ich durch das Coletivo Incomode zu CIPÓ.

Gezeichnetes junges Mädchen mit schwarzer Tüte vor lila Hintergrund
«Wir leben mit der ständigen Angst, jederzeit getötet zu werden. Aber wir können nicht schweigen, jemand muss für diese jungen Leute kämpfen. Wir müssen den Getöteten eine Stimme geben», sagt Cassiane Paixão. – Illustrationen: Hannes Nüsseler

In der Studie «Hört auf uns zu töten!» dokumentiert terre des hommes schweiz Fälle von skrupelloser Polizeigewalt in Brasilien. Wie sind eure Erfahrungen mit dem Sicherheitsapparat und den Behörden?

Lucas: Ich stand schon immer im Visier der Polizei. Als Kind sah ich im Fernsehen, wie ein Brasilianer in Europa von der Polizei getötet wurde. Er hatte die gleiche Hautfarbe wie ich. Ich dachte: Wenn ich erwachsen bin, wird mir das auch passieren.

Mein Bruder und ich sind kaum mehr zusammen unterwegs draussen, denn jedes Mal werden wir von der Polizei als Verdächtige angesprochen. Wir gelten als «staatsgefährdend». Mir wurde klar: Ob man als schwarzer Jugendlicher tatsächlich gegen das Gesetz verstösst oder nicht, wir gelten a priori als «Verbrecher». Mein schwarzer Körper ist eine Zielscheibe. Egal, wer ich bin und ob ich geliebt werde, ob ich ein Dichter bin oder ein Menschenrechtsaktivist ‒ für die Polizei bin ich ein «Gesetzloser».

Der Staat sieht uns als schwarze Schafe, die nur darauf warten, geschlachtet zu werden. Er will uns in einem Sklavenquartier. Früher waren die Sklavenquartiere physisch, jetzt sind sie psychologischer Natur. Schwarze sind in diesen Ghettos gefangen und wir haben Angst, auszugehen und uns frei zu bewegen. Als ich ein Kind war, sagt mir meine Mutter immer, ich müsse spätestens um sechs Uhr abends zu Hause sein. Diese Angst kennen alle schwarzen Familien in Bahia.

Wie gehst du mit dieser permanenten Angst um?

Wir Schwarzen brauchen ein Überlebenshandbuch. Ein Freund von mir trägt zum Beispiel nie ein Hemd im Ausgang. Ich dachte, das sei sein Stil. Er hingegen meinte: Ohne Hemd zeige er, dass er unbewaffnet sei. Dieser Freund von mir kann nicht einmal zur Schule gehen. Im eigenen Quartier geht es nicht, weil sich die Banden bekriegen. Und in die Schule im anderen Quartier kann er nicht, weil ihm die Polizei den Zutritt verwehrt.

Ein anderes Beispiel: Ich wollte im Supermarkt einkaufen gehen. Der Polizist richtete die Waffe auf mich und zwang mich hinauszugehen. Dazu holte er drei Wachmänner, die mich zu Boden schlugen und aufs Übelste beschimpften.

Meine weissen Freunde und Kolleginnen werden nie von der Polizei gedemütigt. Ich selbst habe aufgehört zu zählen, wie oft ich von der Polizei drangsaliert werde. Die Polizei hat meinen Bruder geohrfeigt, noch bevor er kriminell wurde. Sie haben seine Würde getötet.

Laut der Studie von terre des hommes schweiz ist die Zahl der Todesopfer von Polizeigewalt in Brasilien seit 2013 kontinuierlich angestiegen. Ein Viertel der Getöteten im Jahr 2019 war jünger als 19. Was sagen euch solche Zahlen?

Cassiane: Ich wohne in einem Stadtviertel, das als eines der gewalttätigsten in Salvador gilt. Unterdrückung und Gewalt durch die Polizei erleben wir ständig. Letzte Woche wurden sieben junge Menschen auf einmal umgebracht. Heute weiss ich, dass die Sicherheitskräfte auf staatliche Anordnung schwarze Jugendliche in unserer Favela «eliminieren» sollen. So etwas darf nicht geschehen, weder für meine Familie noch für die Familien anderer Leute!

Hat die Pandemie die behördliche Gewalt gegen Schwarze verstärkt?

Lucas: Bahia gehört zu den vier Bundesstaaten mit der höchsten Rate an gewaltsamen Todesfällen in Brasilien. Ich habe mehr Angst vor Waffengewalt als vor Covid-19. Zur Gesundheitsfrage: Schwarze Menschen wissen aus eigener Erfahrung, wie es ist, ins Krankenhaus zu gehen und nicht beachtet oder gleichgültig behandelt zu werden.

Was hält ihr vom brasilianischen Präsidenten?

Cassiane: Ich habe keine Angst vor Bolsonaro. Ich habe Angst vor denen, die für ihn gestimmt haben und ihn unterstützen.

Brasilien ist ein wichtiger Umschlagplatz für illegale Drogen, Menschen in den Armenvierteln spielen eine wichtige Rolle im Handel mit ihnen. Sind Polizeirazzien in den Favelas da nicht verständlich?

Lucas: Wir sehen die Sache zu eng, wenn wir nur die Rolle der Polizei anschauen. In Salvador sind bewaffnete Bürgerwehren eine gefährliche Parallelmacht zur Polizei und dieses Problem ist tiefer als wir denken. Es sind diese Milizgruppen, die Polizeidivisionen für ihren Vernichtungsfeldzug in den Favelas einsetzen. Der Deal ist: Die Bürgerwehren «entsorgen» die Leichen der Getöteten, die dann als «verschwunden» gelten. Und die Polizei macht den illegalen Drogenhandel verantwortlich für diese Morde.

Der Drogenkrieg ist eine Ausrede der Sicherheitskräfte, um Schwarze zu töten und damit Geld zu machen. Ich habe mehrmals beobachtet, wie Polizisten mit Drogen handeln, anstatt dieses Geschäft zu unterbinden. Die Drogenkriminalität beschert der Polizei ein zusätzliches Einkommen, das erlebe ich Tag für Tag in meinem Quartier. Doch niemand begehrt auf: Denn wir wissen, wie gefährlich es ist, die Wahrheit zu sagen. Wer eine Anzeige erstattet, riskiert das Leben. Die Polizeileitung ist korrupt. Als Kind sah ich Beamte in Bars mit Drogen handeln und dachte, das sei normal. Dabei ist das einfach nur absurd!

Cassiane: Meine Beobachtung ist: Die Polizeieinsätze sind zwar seit Ausbruch der Pandemie zurückgegangen, aber das «Verschwinden» von jungen Leuten hat zugenommen. Dabei kommt die Polizei nicht mit dem Helikopter angeflogen, sondern sie kommen in Kapuzen und in Zivil. Viele Beamte leben mitten unter uns. Sie hüten sich davor, an offiziellen Polizeieinsätzen teilzunehmen, um nicht von der Bevölkerung erkannt zu werden. Die wahren Drogenbarone kommen allerdings von auswärts.

terre des hommes schweiz setzt sich ein gegen Rüstungsexporte nach Brasilien. Was hält ihr davon?

Lucas: Das erstaunt mich nicht. Der brasilianische Staat investiert in Waffen, Militärfahrzeuge, Drohnen. Sie benutzen die Kriegsmacht, um uns anzugreifen. Wen kümmert es, woher die Kriegswaffen kommen? Ausländische Rüstungsgüter haben einfach eine andere Farbe oder ein anderes Design.

Cassiane: Unser Land investiert in alles andere als in ein gutes Leben der breiten Bevölkerung. Es investiert in einen Staatskrieg gegen schwarze Brasilianerinnen und Brasilianer. Bewaffnete Patrouillen gehören bei uns schon lange zum Strassenbild, aber mit zunehmender Gewalt gibt es immer mehr bewaffnete Menschen.

Zuletzt: Was ist euer grösstes Anliegen an die Regierung und Behörden in Brasilien?

Cassiane: Wir leben mit der ständigen Angst, jederzeit getötet zu werden. Aber wir können nicht schweigen, jemand muss für diese jungen Leute kämpfen. Wir müssen den Getöteten eine Stimme geben. Der Rassismus gegen schwarze Brasilianerinnen und Brasilianer muss aufhören!

Lucas: Es braucht den gewaltlosen Kampf, aber auch den Zugang zu Informationen, Bildung und Kultur. Und wir brauchen demokratische Strukturen auf Lokalebene, denn ansonsten werden wir nichts in eine gute Richtung bewegen können. Unsere Regierung wird mir nie freiwillig eine Stimme geben. Doch genau das ist mein innigster Wunsch.

Lucas und Cassiane, ich danke euch für das Gespräch.


Interview: Fabiana Kuriki und Anna Wegelin; Illustrationen Lucas und Cassiane: Hannes Nüsseler, Basel

Über CIPÓ

Mit unserer Partnerorganisation CIPÓ (Comunicação Interativa, Port. für: Interaktive Kommunikation) leisten wir einen Beitrag an das UNO-Ziel 16 der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung: Frieden, Gerechtigkeit und starke Institutionen.

Mehr Informationen zum Projekt

*Urubu di Quilombo heisst auf Portugiesisch Geier von Quilombo. Als Quilombo bezeichnete man zur Zeit der portugiesischen Herrschaft eine Niederlassung geflohener schwarzer Sklav*innen in Brasilien. Das Wort Quilombo stammt aus den afrikanischen Bantu-Sprachen Kikongo und Kimbundu und bedeutet Wohnsiedlung.

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