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4. September 2021

«Es reicht nicht, zu wissen was ein Kondom ist»

Symbolbild
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Nach dem Lockdown in Südafrika sind viele Mädchen nicht mehr in der Schule erschienen. Sie wurden inzwischen schwanger. Neue Daten zeigen, dass die Zahl der Frühschwangerschaften während der Pandemie um bis zu zwei Drittel zugenommen hat. Anlässlich des diesjährigen World Sexual Health Days sprechen wir mit Hafid Derbal, dem Themenverantwortlichen für Sexuelle und Reproduktive Gesundheit, über die Ursachen und wie terre des hommes schweiz das Problem angeht.

Lara Haacks: Die neuesten Daten zeigen, dass Teenage-Schwangerschaften im südlichen Afrika um bis zu zwei Drittel gestiegen sind. Deckt sich das auch mit deinen Beobachtungen?

Hafid Derbal: Das deckt sich leider absolut mit unseren Beobachtungen und mit dem, was ich von unseren Partnerorganisationen gehört habe. Gerade in ländlichen Gegenden. Zwar gibt es dort selten statistische Erhebungen, jedoch berichten alle Schulen davon, dass nach den teils langen Lockdowns viele Mädchen nicht mehr in den Unterricht kamen. Häufig ist eine Schwangerschaft die Ursache.

Woran liegt das, warum wurden im Lockdown mehr Mädchen schwanger?  

Es gibt vielfache Gründe dafür. Aber Vergewaltigungen gehören leider in Südafrika zum traurigen Alltag. Im strikten Lockdown ist die ohnehin schon hohe Dunkelziffer von häuslicher und sexueller Gewalt nochmal gestiegen. In zahlreichen Haushalten leben viele Leute unter einem Dach. Während des Lockdowns waren diese Menschen regelrecht zusammen eingepfercht. Dazu kommt, dass viele ihren Job verloren und damit Druck und Frustration stiegen. Das ist ein sehr gefährlicher Cocktail an Dynamiken, was das Problem verschärft hat. Schlimm ist, dass die Opfer so mit den Gewaltäter*innen eingeschlossen waren.

Wie sieht die Arbeit von terre des hommes schweiz in Südafrika im Bezug zu Frühschwangerschaften aus?

Es gibt da zwei Ebenen: Prävention und Nachsorge. Wir möchten aktiv sein und Jugendlichen dabei helfen Schwangerschaften zu verhindern, bevor sie passieren. Natürlich muss auch denjenigen geholfen werden, die bereits schwanger sind oder entbunden haben

Es wichtig, dass junge Mädchen über ihren eigenen Körper und ihre sexuelle Gesundheit Bescheid wissen. Dazu gehört Wissen über die Menstruation und ihre fruchtbaren Tage genauso wie der Umgang mit Verhütungsmitteln, um sich vor HIV/Aids und ungewollten Schwangerschaften schützen. Das ist darum besonders wichtig, weil diese Themen immer noch in vielen Gesellschaften tabuisiert sind – in Südafrika vor allem im ländlichen Raum. Es geht aber nicht nur um das Wissen an sich, sondern auch um das Selbstvertrauen, Entscheidungen durchzusetzen.

Welche Entscheidungen?

Über die Verhütung. Es reicht nicht, zu wissen was ein Kondom ist. Mädchen und junge Frauen müssen selbstbewusst ihren Geschlechtspartnern sagen können: “Ich will Sex mit dir haben, aber nur mit Kondom”. Oder eben, dass sie keinen Sex haben wollen. Das gilt natürlich auch für junge Männer, die sich ebenso gegen HIV/Aids und ungewollte Schwangerschaften schützen müssen. Wir arbeiten mit unseren Partnern daran, dass sich junge Männer ihrer Verantwortung bewusst sind. Das ist die Präventionsarbeit, die sowohl mit jungen Frauen als auch mit jungen Männern gemacht wird.

Und wie sieht die Nachsorge aus?

Bei der Nachsorge geht es darum, dass junge Mädchen nicht aus der Gesellschaft verschwinden, wenn sie schwanger werden. Für schwangere Mädchen endet der Bildungsweg oft früher, weil sie die Schule abbrechen müssen. Dadurch rutschen sie in eine Armutsspirale und werden abhängig. Finanziell, weil sie keinen Abschluss haben und keinen Beruf erlernen können. Und in ihren Entscheidungen, weil sie ohne Bildung vom Wissen Anderer abhängig sind. Damit ist ihnen die Chance auf Selbstständigkeit verwehrt. Es ist deshalb elementar, dass junge Mädchen so lange wie möglich während der Schwangerschaft den Unterricht besuchen können und so früh wie möglich nach der Geburt zurück zur Schule können.

Was ist der Hauptgrund für das Wegbleiben?

Scham und Stigmatisierung. Schwangerschaften werden oft geleugnet. Zunächst von den Mädchen, und dann von den Eltern – bis es nicht mehr zu leugnen ist. Wenn es öffentlich rauskommt, ist das ein oft Schock und eine Scham für alle. Die Mädchen dürfen nicht mehr raus und nicht mehr zur Schule. Sie werden auch häufig dafür stigmatisiert.

Wir setzen uns auch dafür ein, dass das Mädchen und ihre Eltern früh zur Schwangerschaft stehen. Neben der Notwendigkeit wieder in den Unterricht aufgenommen zu werden, wollen wir auch vermitteln, dass es wichtig ist, früh zu einer Schwangerschaft zu stehen. Nur dadurch kann eine pränatale Begleitung gewährleistet werden. Die erste Arztuntersuchung sollte nicht erst im sechsten oder siebten Monat stattfinden. Das bedeutet oft sehr viel Überzeugungsarbeit auf mehreren Ebenen.

Was muss passieren, dass diese Mädchen weiter zum Unterricht dürfen?

Grundsätzlich ist es in Simbabwe und Südafrika gesetzlich vorgeschrieben, dass sie weiterhin zur Schule dürfen – solange sie wollen und können. Leider denken viele Schulleiter*innen und Lehrer*innen, dass andere Mädchen durch sie auf dumme Gedanken kommen könnten und auch schwanger werden. Dabei könnten die ungewollte schwangeren Mädchen Vorbilder sein und ihre Mitschüler*innen aufklären. Wir vermitteln den Lehrpersonen mehr Toleranz und suchen gemeinsame Lösungen, wie junge Mädchen nach der Entbindung wieder in die Schule eingegliedert werden können.

Andererseits sind auch hier die Eltern der jungen Mädchen gefragt. Wir müssen sie oft davon überzeugen, dass ihre Töchter weiter zur Schule gehen können. Sie müssen es nicht nur zulassen, sondern auch aktiv mithelfen. Zum Beispiel beim betreuen ihres Enkelkindes während der Schule.

terre des hommes schweiz arbeitet mit lokalen Partnerorganisationen. Warum ist das hierbei ein Vorteil?

Für die Überzeugungs- und Sensibilisierungsarbeit ist es wichtig, dass die Partnerorganisationen gut in die Gemeinden verankert sind. So fällt es den Eltern, Lehrpersonen und Schulleiter*innen leichter, ihnen zu vertrauen. Und es ist auch wichtig, dass die Gemeinde und die medizinischen Ansprechpartner*innen, die Partnerorganisation kennen.

Sie alle müssen überzeugt werden und an Bord sein, damit die jungen Menschen Vertrauen und Unterstützung erfahren. Sie alle müssen mitmachen, dass schwangere junge Mädchen nicht stigmatisiert und verurteilt werden. Daran arbeiten wir und darum setzen wir auf gute Partnerorganisationen.

Was würdest du dir für die Zukunft von jungen Menschen in Südafrika wünschen?

Wir beschäftigen uns oft mit den Mädchen, weil sie häufig schlechtere Startchancen fürs Leben haben. Und je älter sie werden, desto mehr hindern patriarchale Strukturen Mädchen daran, ihre Persönlichkeiten zu entfalten. Darum wünsche ich den jungen Mädchen mehr Räume für ihre Entfaltung. Und ich wünsche ihnen mehr Empowerment, die noch vorhandenen Hürden zu überwinden.

Wir dürfen aber dabei die Jungs nicht vergessen. Für respektvolle Partnerschaften beispielweise braucht es Aufklärung aller. Für sie wünsche ich mir, dass sie weniger in den toxischen Männlichkeitsbild gefangen bleiben. Viele Jungen und Männer haben ein grosses Bedürfnis nach Zärtlichkeit und emotionaler Nähe, dürfen dieses aber wegen irreführender Rollenbilder nicht ausleben. Ich wünsche mir, dass diese Männer und Jungen lernen, wie sie offen über ihre Emotionen und Bedürfnisse reden können. Und dafür setzen wir uns zusammen mit unseren Partnerorganisationen täglich ein.

Portrait von Hafid Derbal

Hafid Derbal
Programmverantwortung Südafrika und Simbabwe
Themenverantwortung Sexuelle und reproduktive Gesundheit

Text: Lara Haacks, Samuel Rink, Foto: Cebisile Mbonani

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