Was bedeutet Mut wirklich? Maureen Reitinger zeigt in ihrem inspirierenden Buch, warum echter Mut oft im Alltag stattfindet: leise, unsichtbar und doch kraftvoll.
Frau Reitinger, wann waren Sie zuletzt mutig?
Ich bin jeden Tag auf die eine oder andere Weise mutig, wenn ich mich auf Erfahrungen einlasse, die ausserhalb meiner Komfortzone liegen, ohne zu wissen, was mich erwartet. Bewusst zu entscheiden, gewohnte Wege zu verlassen. Ins Ungewisse zu springen, begleitet von Angst, aber auch von der unbändigen Lust aufs Leben. Ein Akt der Selbstermächtigung, bei dem ich Altes loslasse, um Neues an mir zu entdecken.
Was hat Sie dazu bewogen, ein Buch zum Thema Mut zu schreiben?
Ich möchte, dass wir den Scheinwerfer auf uns selbst richten und uns erlauben zu erkennen, wie viel Mut in jede*r von uns steckt. Gerade dann, wenn es nicht auf den ersten Blick erahnbar ist.

«Mutig wird man nicht über Nacht, aber man kann die bewusste Entscheidung für eine mutige Haltung trainieren.»
Maureen Reitinger, Autorin
Worin unterscheiden Sie zwischen Alltagsmut und Adrenalin-Mut?
Alltagsmut ist erforderlich, um schwierige, unangenehme oder belastende Situationen zu meistern, auch oftmals unfreiwillig. Zum Beispiel bei Anfeindungen, wenn man zu einer marginalisierten Gruppe gehört. Das wirkt für andere unspektakulär und bleibt oft unsichtbar, aber ist in uns selbst tief verwurzelt und nachhaltig.
Adrenalin-Mut hingegen ist oft mit kurzfristigen, intensiven Herausforderungen verbunden. Dabei geht es oft um körperliche, riskante, nervenaufreibende Erlebnisse. Das wirkt von aussen spektakulär, ist aber oft gar keine grosse Überwindung, weil man in solchen Szenarien den Adrenalinrausch bewusst sucht.
Verstehen Menschen überall auf der Welt das Gleiche unter Mut oder gibt es Unterschiede?
Mut als universelles Konzept bedeutet, überall Angst zu überwinden und trotzdem zu handeln. Mut als individuelles Konzept variiert kulturell stark und ist durch Religion, Geschlechterrollen, Traditionen und die jeweilige politische Situation im Land stark geprägt.
Warum werden die mutigsten Geschichten oft von «einfachen» Leuten geschrieben?
Weil sie im Alltag mit echten Herausforderungen konfrontiert sind, ohne Schutz und grosse Bühne, wenn sie Verantwortung übernehmen. Für andere und sich selbst einzustehen oder in schwierigen Situationen nicht aufzugeben, wird nicht belohnt durch Aufmerksamkeit, sondern entsteht aus innerem Antrieb und persönlichen Werten. Es zeigt, wie stark wir wirklich sein können, wenn wir aus tiefer Überzeugung handeln.
Kann man Mut antrainieren?
Ja, das beschreibe ich auch in meinem Buch. Es sind tägliche, kleine Schritte, die uns zu Selbstakzeptanz, Selbstvertrauen und Selbstbestimmtheit führen. So können wir uns immer besser den Herausforderungen des Lebens stellen und durch dieses tägliche «trial and error», dieses konsequente Dranbleiben, Mut einüben. Mutig wird man nicht über Nacht, aber man kann die bewusste Entscheidung für eine mutige Haltung trainieren.
Wie gewinnt man Mut in schwierigen Zeiten?
Wenn man sich mit Mitgefühl begegnet, Hilfe annimmt, sich bewusst macht, wofür man einsteht und was einem wichtig ist, dann entsteht eine Kraft, um weiterzugehen, auch wenn es schwer ist.
Das Interview führte Loredana Engler, Fundraising und Kommunikation terre des hommes schweiz
Die Verlosung wurde am 30.06.2026 beendet.
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