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4. Februar 2021

«Corona-Test kostet ein Vermögen»

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Wie ist die Gesundheitssituation in Simbabwe und welche Folgen hat die Pandemie für die Bevölkerung? Was bedeuten die Covid-19-Restriktionen für die grassierende sexuelle Gewalt gegen Mädchen und Frauen in Südafrika und was tut die NGO LifeLine dagegen? Das grosse Interview mit Tayson Mudarikiri (36) in Harare, Projektkoordinator von terre des hommes schweiz für Simbabwe und Südafrika.

Tayson, wie geht es dir?
Ganz gut. Ich hoffe, unsere Kinder stören unseren Video-Call nicht. Sie sind beide im Homeschooling und es kann gut sein, dass sie mich zwischendurch in meinem Büro «besuchen».

Eure Kinder stören überhaupt nicht. Wie hast du es mit dem Homeoffice in Harare?
Wenn du gerade an einer Sache bist, die hohe Konzentration erfordert, kannst du schon abgelenkt sein. Andererseits ist es gut, wenn die Kinder Fragen bei den Hausaufgaben haben und du ihnen kurz helfen kannst. Wir haben Glück, meine Frau arbeitet im Moment nicht. So kann sie zu Hause übernehmen und ich kann meine Arbeit machen.

Du wurdest mit Covid-19 infiziert. Wie geht es dir jetzt gesundheitlich?
Es geht mir wieder recht gut. Das Ganze war schon stressig, nicht wegen der Symptome, die sich im Rahmen hielten. Aber es würde helfen, wenn ich sagen könnte, das war der spezifische Moment der Ansteckung.

Was ist passiert und wie war der Krankheitsverlauf?
Wir verbrachten die Weihnachtsferien gemeinsam mit einer befreundeten Familie. Das war nichts Aussergewöhnliches. Nach dem ersten harten Lockdown in Simbabwe im Frühling 2020 hatte es über längere Zeit sehr wenige Covid-19-Fälle und die Übertragungsraten waren tief. Unser Land war recht offen. Am Weihnachtsabend ging es dem Vater der anderen Familie nicht gut. Er ist 40 Jahre alt und gesund. Allerdings hat er Diabetes und war schon in den zwei Monaten vor den Festtagen während insgesamt 30 Tagen im Spital gewesen wegen seiner chronischen Krankheit. Er wurde plötzlich sehr schwach und hatte Schwierigkeiten mit dem Atmen. Also fuhr ich ihn ins nahegelegene Spital, wo er vier Tage verbrachte und auf Covid-19 getestet wurde – negativ.

Also kein Grund zur Sorge.
Nun, wenig später kriegte ich starkes Fieber. Am nächsten Tag war es wieder weg, dafür bekam ich Kopfschmerzen, was auch nicht weiter besorgniserregend war. Am nächsten Tag ging es mir wieder besser, ich fühlte mich einfach sehr schwach. Als dieser Schwächezustand nach einer Woche immer noch da war, ging ich zur Ärztin. Sie schaute mich an und wusste, es war Covid-19, was ein Test bestätigte. Ich bekam Medikamente und das half. Die Corona-Erkrankung hat stark an meinen Kräften gezehrt, war aber insgesamt nicht schlimm. Seit einer Woche geht es mir jeden Tag wieder ein besser und ich trinke viel Ginger-Tee. (Lacht) Es ist schwer zu sagen, wann und wo ich mich ansteckte. Aber es ist wahrscheinlich, dass es geschah, als ich meinen Kollegen, den Vater der befreundeten Familie, im Spital besuchte.

Ist deine Familie auch auf Covid-19 getestet worden?
Ein Corona-Test kostet ein Vermögen, 60 US-Dollar. Das macht 240 Dollar, wenn wir alle vier uns testen lassen würden. Wir machen es wie die meisten Familien im Falle von Covid-19, wir schauen, dass es innerhalb der Familie bleibt und stellen sicher, dass wir uns voreinander schützen.

Wir haben wenig Platz bei uns zu Hause. Meine Frau wohnt mit den Kindern in deren Zimmer und ich bleibe die ganze Zeit über im Elternschlafzimmer. Ausserdem halten wir uns an die empfohlenen Hygienemassnahmen. Wir haben unsere sozialen Kontakte drastisch reduziert. Während ein paar Tagen hatte meine Frau einen starken Husten, der aber wieder verschwand. Sollte jemand von uns in den nächsten 14 Tagen typische Symptome entwickeln, würden wir einen Virus-Test machen.

Ist ein Impfprogramm der Regierung Simbabwes für die Bevölkerung vorgesehen?
Offiziell ist noch niemand geimpft worden in Simbabwe, weil die Regierung keinen Impfstoff bestellt hat. Meines Wissens soll wir in nächster Zeit rund 3 Mio. Impfdosen über die Afrikanische Union und für rund 15 Prozent der Bevölkerung erhalten. Es gibt zurzeit noch keinen nationalen Plan, wer geimpft werden soll und welche Gruppen dabei Priorität haben.

Wie hast du es selber mit dem Impfen?
Ich werde mich impfen lassen, wenn es einen Plan der Regierung gibt. Aber ich hatte ja keine beunruhigenden Symptome und es geht mir gesundheitlich gut. Geimpft werden sollte jedoch unbedingt das Gesundheitspersonal, es ist am meisten ausgesetzt. Ebenfalls Priorität haben sollten ältere Menschen und andere vulnerable Gruppen sowie Kinder. Ich denke, das Modell in Simbabwe wird sein: Impfen lassen wird sich, wer sich dies leisten kann und es wird dazu sicher internationale Impf-Spenden brauchen. Aber eben, die grosse Frage, wer sich eine Covid-19-Impfung leisten kann, bleibt.

Es gibt viele falsche Vorstellungen rund um das Thema Viren und Impfen ‒ nicht nur in meinem Land, sondern weltweit. Persönlich kann ich nichts mit solchen Haltungen anfangen, ich halte mich an die Public-Health-Interventionen. Es braucht viel Information und Aufklärung darüber, wie Impfungen tatsächlich funktionieren und was sie bewirken können.

Welche Widerstände gibt es gegen eine Covid-19-Impfung?
Das grösste Problem für Simbabwe und für Afrika in Bezug auf das Impfthema ist die Verbindung mit Religionen. Wir haben eine neue Welle von «Führern des Wandels», magische Priester und auch christliche Anführer, die verkünden, ich nehme diese Impfung nicht, denn dahinter steckt eine Verschwörung. Solche Anführer und ihre fundamentalistischen religiösen Riten haben Millionen von Followern im südlichen Afrika. Das macht mir Angst aus Public-Health-Sicht. In Simbabwe ist die Situation etwas anders und es gibt weniger Hürden für die naturwissenschaftliche Information. Denn praktisch jede Person ist geimpft worden durch das Gesundheitssystem, gegen Kinderlähmung, Tuberkulose und so weiter. Was es braucht, damit die Menschen sich gegen Covid-19 impfen lassen, ist, dass die Regierung sagen: Ihr kennt das mit dem Impfen bereits, jetzt handelt es sich einfach um ein neues, noch nie dagewesenes Phänomen.

Mädchen vor Essensausgabe in Chitungwiza, 30 Kilometer südlich von Simbabwes Hauptstadt Harare. Foto EPA/Aaron Ufumeli

Abgesehen vom Virusthema, welche Alltagssorgen haben die Menschen in Simbabwe?
Dass genug essen auf dem Tisch kommt. Über 90 Prozent der Bevölkerung arbeiten im informellen Sektor. Ihnen ist es im Gegensatz zum Gesundheitssektor und zu den Angestellten im Bergbau und in der Landwirtschaft aktuell nicht erlaubt, ihrer Arbeit nachzugehen. Für sie ist jeder Tag im Lockdown ein Tag ohne Einkommen. Also gehen die Menschen trotzdem nach draussen wie schon beim ersten Lockdown im April 2020, denn nur so können sie ihre Familien ernähren. Es ist nur eine kleine Minderheit wie wir, die wie bisher weiterarbeiten kann und einen Lohn erhält.

Es sind also die wirtschaftlichen Sorgen, die die Menschen plagen, und nicht die Sorge um ihre eigene Gesundheit und die der anderen?
Ganz so einfach ist es nicht. Wenn du in den Sozialen Medien nachschaust oder mit den Leuten redest, siehst du: Alle kennen jemanden, die oder der Covid-19 hat oder deswegen mit gesundheitlichen Komplikationen zu kämpfen hat und das weitere Problem ist ja, wie erhältst du adäquate Hilfe, wenn du erkrankst. Die Botschaft muss also sein: Leute, nehmt das ernst, denn Covid-19 kann Menschen töten.

Es braucht viel Mut, um öffentlich gegen geschlechtsbasierte Gewalt einzustehen. Aktion mit Mädchen und jungen Frauen in Kwazulu-Natal mit der südafrikanischen NGO LifeLine. Foto Cebisile Mbonani

Die Pandemie hat zu einer Zunahme der geschlechtsbasierten Gewalt gegen Frauen und Kinder geführt.
Gender-based Violence oder GBV ist ein permanentes Problem, nicht nur im südlichen Afrika, sondern in allen Weltregionen. Besonders schlimm ist die Situation jedoch in Südafrika. Schlüsselfaktoren sind soziale und kulturelle Normen in einer patriarchalen Gesellschaft. Sie fördern zwar nicht unbedingt GBV direkt, lassen jedoch bestimmte Formen von sexualisierter Gewalt gegen ein Individuum zu. Das patriarchale System gibt den Männern die absolute Macht. Auch die Macht über die Körper ihrer Schwestern, Ehefrauen und Partnerinnen. Es ist sehr schwierig, GBV in patriarchalen Gesellschaften zu stoppen. Sind die Entscheidungsträger in Justiz, Politik, Verwaltung oder Gemeindeebene allesamt Männer, stärkst du diese Norm gegen Frauen und damit auch die sexuelle Gewalt gegen sie.

Wie manifestiert sich die GBV-Norm konkret?
Wenn du in Afrika heiratest, bezahlst du einen Brautpreis. Das bedeutet: Die Frau wird aufgenommen in die Familie des Mannes, der die absolute Autorität über sie hat. Viele Männer sehen sich dann im Recht, ihre Frauen zu vergewaltigen, denn sie gehört voll und ganz ihm und er hat für sie ja auch einen Preis entrichtet. «Du stehst mir zur Verfügung, wann immer ich dich brauche.»

Um mit dieser menschenverachtenden Praxis zu brechen, braucht es die Bewusstseinsförderung für die Rechte von Frauen und Kindern (Sexual and Reproductive Health and Rights SRHR, Anm. d. Red.). Denn den meisten Männern ist es nicht einmal bewusst, dass sie ihre Frauen vergewaltigen. In den letzten 20 bis 30 Jahren hat es in Afrika eine Welle von Vorstössen und offiziellen Verordnungen gegeben zur Aufklärung und zur Verhinderung von GBV. Aber vielerorts werden sie nicht durchgesetzt, weil die Institutionen zu schwach sind. So gibt es in Simbabwe zwar eine nationale Gender-Kommission, aber sie ist personell unterdotiert hat zu wenig Budget, um dafür zu sorgen, dass diese Auflagen dann auch tatsächlich umgesetzt werden. Das erweckt den Eindruck, dass solche staatlichen Kommissionen nur ins Leben gerufen werden, um das wachsende Bedürfnis nach Institutionen zu diesen Themen zu befriedigen.

Sexuelle Gewalt gegen Frauen und Kinder nehmen im Kontext der Coronakrise zu.
Ja, verlässliche Zahlen zur Situation in Simbabwe werden aktuell erhoben. Ein Bericht von Ende 2020 durch unsere Partnerorganisationen, die in Schulen arbeiten, zeigt: Es gibt einige Mädchen, die nach der Wiedereröffnung der Schule nicht zurückkamen, weil sie schwanger sind. Ein weiteres Problem die schlechten Verbindungen im Öffentlichen Verkehr, die wegen des Lockdowns nochmals eingedämmt werden. Das ist ein grosses Problem: Denn wer vergewaltigt wurde, braucht in der Regel eine Transportmöglichkeit zum nächsten Gesundheitszentrum. Die grösste Herausforderung ist: Wie können die überlebenswichtigsten Services aufrechterhalten werden für jene, sie sie dringend brauchen.

Es gibt einen grossen Unterschied zwischen den GBV- und den HIV-Services: Für Letztere haben wir Wege gefunden, damit die Medikamente vom Spital zu den jungen Leuten in der Gemeinde gebracht werden. Aber wir wissen nicht, wer vergewaltigt worden ist und wo sich die Überlebenden befinden. Die meisten von ihnen wurden daheim vergewaltigt. Du musst zuerst den Vergewaltiger aus dem Haus entfernen und die Überlebenden zu den Gesundheitsservices bringen, bevor du sie weiterbegleiten und beraten kannst.

LifeLine informiert und sensibilisiert nicht nur für das Thema Gewalt gegen Mädchen und Frauen, sondern arbeitet auch gegen strukturelle Gewalt. Foto Cebisile Mbonani

Während terre des hommes schweiz in Simbabwe zu einer Reihe von SRHR- und Gesundheits-Themen arbeitet, hat LifeLine in Südafrika ein klares GBV-Profil. Was charakterisiert unsere Partnerorganisation in KwaZulu-Natal?
LifeLine zeigt vor, wie ein GBV-Programm aussehen muss, damit es nachhaltig ist. LifeLine arbeitet zweigleisig, erstens in der Prävention und zweitens in der Hilfe und Begleitung von Überlebenden, sodass sie Hoffnung haben und ihr Leben möglichst frei von ihren traumatischen Erlebnissen führen können. Mit anderen Worten: Der Ansatz von LifeLine ist ganzheitlich. Wir haben Mitarbeitende, die jeden Tag in der Gemeinde arbeiten. Sie stehen für praktische Beratung zur Verfügung und beantworten Fragen im Zusammenhang mit GBV.

Neuerdings arbeitet unsere südafrikanische Partnerorganisation auch im Bereich der kulturellen und sozialen Normen und also zur strukturellen Gewalt gegen Frauen und Kindern.
Unsere südafrikanische Partnerorganisation arbeitet dabei mit der Zielgruppe Männer in Entscheidungspositionen auf Gemeindeebene, das ist einzigartig. LifeLine arbeitet mit ihnen zur Frage: Wie können wir Frauen besser beschützen und dafür sorgen, dass alle Gemeindemitglieder SRHR kennen? Es geht darum, gemeinsam mit den tonangebenden Männern Orte zu schaffen, an denen die Täter zur Rechenschaft gezogen werden, wenn sie ihre Frau nicht ordentlich behandeln.

Es mag auf dem Papier die vorbildlichsten nationalen Gender-Richtlinien geben – was zählt, ist, dass die Akteure in den Gemeinden dafür sorgen, dass sie auch angewandt werden. Ein Gemeindeleiter, der es als Selbstverständlichkeit erachtet, dass der Mann seine Frau vergewaltigt, schürt ein Klima der sexuellen Gewalt anstatt sie einzudämmen und zu verhindern helfen. Es ist wichtig, dass sichergestellt ist, dass die Polizei sich an die gesetzlichen Vorgaben hält. Information und Aufklärung zu den Rechten von Frauen und Kindern sind zentral. Auch Leitung und Lehrpersonen von Schulen und Gesundheitsmitarbeitende im Ambulatorium oder Spital müssen diese SRHR kennen und sich entsprechend verhalten.

Was tut LifeLine, damit die Täter zur Rechenschaft gezogen werden?
Du sprichst einen wichtigen Schlüsselfaktor an, die südafrikanische Rechtsprechung. Die Praxis zeigt: Selbst wenn jemand wegen GBV verhaftet wird, ist das Justizsystem derart korrupt, dass es in vielen Fällen dennoch nicht zu einer Strafverfolgung des Täters kommt. LifeLine hat sich deshalb während den 16 Tagen gegen Gewalt an Frauen im vergangenen November prononciert zu diesem Thema geäussert und viel mediale Öffentlichkeit erhalten. Es gab sogar ein Interview im nationalen TV-Sender dazu.

Interview: Anna Wegelin

Mehr zu unserem Arbeitsschwerpunkt Gesundheit for Sexual and Reproductive Health and Rights (SRHR) and against Gender-Based Violence (GBV) hier

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